Altern (34)


Zwischen Liebesfähigkeit und Hartherzigkeit

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, das empfiehlt uns Jesus. Sich seine Liebesfähigkeit im Laufe eines langen Lebens zu erhalten, scheint eine große Tugend zu sein. Schaffe ich es, über die vielen Kleinigkeiten hinweg zu sehen, die mich im Laufe der Zeit an mir und anderen stören? Empfindsam und großherzig bleiben, das wünsche ich mir.

Vielleicht kann ich mich fragen: Wozu ist mir mein Leben gegeben, wo  werde ich gebraucht, wo kann ich helfen, wo ist Zuhören oder nur Dasein gefragt?  Starre Rechthaberei, das Beharren auf die Einsichten, die man so mühsam gewonnen hat, wird andere aus meiner Nähe vertreiben.

Starrsinn, Rechthaberei können unser Alter im Griff haben. Wir wollen uns durchsetzen, so wie früher, und das um jeden Preis. Was bringt es?  Einsamkeit. Wir brauchen nicht mehr alles zu wissen, die Klügsten zu sein, wir müssen unsere Meinung nicht mehr durchsetzen. Wenn wir die Tür des Herzens öffnen, zieht die Liebe ein und findet Heimat auf Dauer.

Wollen wir unseren Egoismus, unser Bedachtsamkeit auf uns im Alter auf die Spitze treiben oder gibt es andere Wege? Können wir ablassen von unserem Narzissmus – der uns das Leben nimmt, weil wir im eigenen Spiegelbild versinken? Narziss ist im Wasser, in dem er sich selbst spiegelte untergegangen, so erzählt die Legende. Vielleicht können wir die Eigenliebe in eine allumfassende Liebe verwandeln?

Wir haben viele Möglichkeiten, uns in jedem Alter dem Leben neu zu stellen: z. B. durch den Dank für alles, was gewesen ist, durch das Staunen über jeden neuen Tag. Das Alter kann wie das Ernten sein, das, was gewachsen ist, wird eingeholt.  Vielleicht fühlt man sich einsam. Aber kein Mensch ist alleine in der Welt, es gibt immer andere, die da sind und für einen da sein wollen, wir dürfen annehmen. Das Gefühl mit der Welt, mit allem, was es gibt, verbunden zu sein, kann stark werden. Allein sein wird mit Verlassensein assoziiert, allein kann auch als „all eins“ sein verstanden werden. Wir sind geliebte Geschöpfe Gottes untereinander und mit allem, was es gibt verbunden.


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