Altern (37)

Leben und Sterben gehören zusammen. Wie kann der Mensch den Tod für sich annehmen und verstehen?

Viktor E. Frankls Sicht des menschlichen Lebens impliziert eine bestimmte Wertung des Todes. Dieser hat für ihn nicht nur vernichtenden, sondern verewigenden Charakter. Er versteht den Tod, als die Fertigstellung, die Vollendung eines Lebens. Erst im Tod nämlich ist das Sein selbst, also das Leben eines Menschen, abgeschlossen. Gleich wie ein Film bekanntlich erst nach dem Abdrehen fertig ist, so vollendet sich das menschliche Leben erst durch den Tod, dann wenn das Gute und das Schlechte für immer „aufgezeichnet“ sind. Der Gestorbene hat weder Zukunft noch Vergangenheit, sondern er ist seine eigene Vergangenheit. Er schreibt: "So gelangen wir aber zu der Paradoxie, dass die eigene Vergangenheit des Menschen die eigentliche Zukunft ist, die er zu gegenwärtigen hat." Das heißt, der Mensch arbeitet jeden Augenblick seines Lebens an dem, was einmal vollendet sein wird, an dem, was sein Leben ausmacht.

Frankl betont den Wert des Vergangenen, weil er in die Verantwortung für die Gegenwart rufen will.

Diese Sicht der Vergangenheit und des Todes führen zu einer bewussten Gestaltung des Gegenwart. Sie ist unabhängig vom Alter und geht davon aus, dass das Leben für den Mensch in jedem Augenblick sinnvolle Aufgaben bereithält. In jedem Lebensalter bis hin zum Sterben sind sie vorhanden, ich nenne sie Lebenshausaufgaben. Sie sind da, sie finden den Menschen, er muss sich nur finden lassen. „Sinn muss gefunden werden, er kann nicht erzeugt werden“, schreibt Frankl. Das heißt für den Einzelnen offen, bereit und aufmerksam zu leben.

 Ich persönlich habe in besonderer Weise bei einer an multipler Sklerose erkrankten Frau erlebt, dass es sinnvolle Aufgaben bis zum letzten Atemzug gibt. Ich habe sie eine Weile begleitet, es ging ihr immer schlechter, sie konnte sozusagen gar nichts mehr, außer im Bett liegen. Zum Sprechen war sie auch kaum noch fähig, da hauchte sie mir ins Ohr, dass sie zufrieden sei mit ihrem Leben, da sie das Größte und Schönste, was es gibt noch tun könne. Das war für sie: Beten für die Welt!


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