Altern (38)


Die Bewältigung der Vergänglichkeit des Daseins

Wie man das Leben betrachten kann, um es bewusst und achtsam wahrzunehmen, erläutert Viktor E. Frankl am Beispiel einer Sanduhr. Er entfaltet seine Position: Wie bei der Sanduhr der schmale Hals in der Mitte ist, so ist es auch mit der Gegenwart, sie liegt mittendrin. Die Zukunft noch ist nicht vorhanden, die Vergangenheit dagegen ist die eigentliche Wirklichkeit. In ihr ist alles, was war, aufbewahrt und aufgehoben, nicht vergangen, sondern gespeichert und konserviert.

Jeden Tag des Lebens verantwortungsvoll  zu leben,  das ist Frankls Botschaft, wer sich daran orientiert, ist   wie jemand, der jeden Tag seinen Kalender abreißt, auf der Rückseite notiert, was er heute getan hat, und dann die Blätter auf einem Stoß sammelt. Er ist stolz auf das, was er darin "festgelebt" hat, und ist nicht traurig über das Abreißen eines Blattes, weil damit ein Tag vergangen ist.

Um die Verwirklichung von Werten im Leben des Menschen geht es. Die Aufgabe, die das Leben dem Menschen stellt, darf vom einzelnen immer neu gefunden werden. Die Möglichkeiten zur Werteverwirklichung sind dabei jedem zu jeder Zeit gegeben. Einzigartigkeit des Lebens und Verantwortung für das Leben sind konstitutiv für den Sinn menschlicher Existenz. Die Vergänglichkeit des Daseins fokussiert sowohl den Aufgabencharakter als auch die Einmaligkeit des Lebens. Wären wir unsterblich, könnten wir jede Handlung ins Unendliche aufschieben. Da wir vergänglich sind, gilt: "Lebe so, als ob du zum zweiten Mal lebtest und das erste Mal alles falsch gemacht hättest, wie du es zu machen im Begriffe bist."

Der Mensch, so sagt er in einem anderen Bild, arbeitet in seinem Leben wie der Bildhauer am Stein. Den Termin, wann das Kunstwerk fertig sein soll, kennt er nicht. Doch auch wenn das Werk nicht fertig wird und Fragment bleibt, ist es nicht wertlos. Darum muss die Zeit genutzt werden. Nicht die Länge eines Menschenlebens ist entscheidend, sondern, wie es verwendet wurde, wie mit der zur Verfügung stehenden Zeit umgegangen wurde. Der Tod erinnert an die Verantwortung, die der Mensch für jeden Augenblick des Lebens hat, er ist Ansporn zu verantwortetem Tun.


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