Dietrich Stollberg


Therapeutische Seelsorge

Seelsorge geschieht, wenn das Evangelium verkündigt wird. Dieses Seelsorgeverständnis erfährt durch die Entwicklung hin zur Therapeutischen Seelsorge eine Veränderung. Der Pfarrer, die Pfarrerin, die Seelsorger geraten ins Blickfeld und sie sollen sich ihre Motive, die sie seelsorgerlich handeln lassen, bewusst werden. Wer sich auf diesem Feld engagiert, hat auch - oft unbewusste - eigene Interessen. Sich selbst zu kennen, kann in einem Gespräch verhindern, dass man das Anliegen des anderen übersieht oder überhört. Die Selbsterkenntnis wird zur Voraussetzung einer fundierten Seelsorgepraxis. 

Dietrich Stollberg (1937-2014) hat seit Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts die therapeutisch orientierte Seelsorge entwickelt und Generationen von Theologie Studierenden geprägt. 1937 in Nürnberg geboren, studierte er Pädagogik, Germanistik und Theologie, wurde 1965 zum Pfarrer ordiniert, promovierte und habilitierte sich 1971. Als Professor für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Seelsorge und Pastoralpsychologie und Direktor des Seelsorgeinstitutes an der Kirchlichen Hochschule in Bethel/ Bielefeld hat er die Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie mitbegründet. In der praktischen Umsetzung des Ansatzes der therapeutischen Seelsorge, liegt die Gefahr, sich mehr als Therapeut, denn als Seelsorger zu verstehen. 

Wenn Pfarrer als „kleine Therapeuten“ auftreten, kann es passieren, dass das hohe Gut, dass in der Seelsorge liegt, wie Gebet und der Trost, den die biblischen Geschichten vermitteln, vernachlässigt wird. Die Grenzen zwischen Therapie und Seelsorge scheinen zu verschwimmen. Richtig verstanden, will aber dieses Seelsorgekonzept einmal in besonderer Weise das Verstehen des Anliegens des Anderen fördern. Es geht um die Wahrnehmungen der Gefühle und das Gelten-Lassen und Annehmen des Erlebens des anderen. Zum Beispiel kann ein modernes Kunstwerk auch erst dann verstanden werden, wenn man sich darauf einlässt und nicht sofort fragt: „Was ist das?“. Erst, wenn man versteht, wie es um den anderen steht, kann es zu Interventionen kommen, die hilfreich sind. Auch Glaubensüberlieferungen kommen zum Einsatz, allerding gezielt ausgesucht bezüglich der anstehenden Problematik und in ihrer Bedeutung für heute.


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