Neues Testament & alte Kirche - Johannes


Johannes

Das Johannesevangelium verzaubert mit seinem Reiz, etwas andersartig als die anderen Evangelien zu sein. Es beschreibt Jesus als den Seelsorger aller Seelsorgenden. Jesus hat Anteil an der Herrlichkeit Gottes, die er durch sein Leben auf der Erde aufleuchten lässt. Er, der bei Gott war, ehe die Welt war (Joh 17,5) und der zu ihm zurückkehrte (17,1;5) gibt den Menschen, was er hat, die Fülle Gottes. Sie wird weitergegeben und dient Helfenden, dass sie daraus Kraft für andere schöpfen können.

Wenn Jesu Wirken im Johannesevangelium unter seelsorglichen Gesichtspunkten untersucht wird, lässt sich dies am Beispiel von der Begegnung mit dem Gelähmten (Joh 5,1-16) erläutern. Jesus ist auf dem Weg zu einem Fest, als er das Elend der Kranken am Teich Bethesda sieht. Er sieht hin, er guckt nicht weg oder übersieht, was vor seinen Augen geschieht. Das „Sehen“ lernen, das Hinsehen ist eine wichtige Voraussetzung, wenn man Menschen helfen will. Wie oft fragen wir: “Geht es ihnen gut?“, ohne den anderen nur anzusehen und auch oft ohne überhaupt eine Antwort zu erwarten. Die erste Kontaktaufnahme zum Gegenüber geschieht über das aufmerksame Anschauen. Als nächstes geht Jesus auf einen kranken Mann zu und hört ihm zu. Er ist dran, der Gehandicapte und Jesus erfährt etwas über seine 38 Jahre lange Krankengeschichte. Zuhören können ist gefragt, es zeigt, dass der andere ernst genommen wird, das man ihm „Zuhör“-Zeit schenkt.

Jesus fragt den Gelähmten: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5,6) Er stülpt ihm kein Heilungskonzept über, gibt keinen Ratschlag und stellt kein Rezept aus, der Hilfesuchende bestimmt, wie und wo es lang geht und welches Tempo die Reise hat. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes: gefragt. Er kann in sich hineinsehen und den Weg bestimmen. Vielleicht würde man heute in der Seelsorge fragen: „Wie wäre es, wenn es für sie gut wäre?“ Wenn er seine Ressourcen in sich selbst erkennt, kann der Begleitende diese innere Kraft unterstützen. Jesus sagt: „Steh auf, nimm‘ dein Bett und geh!“(5,8). Das hört sich wie eine harsch klingende Aufforderung an. Bis heute braucht es manchmal in der Beratungsarbeit einen kleinen Anschub, dass der andere seine Kraftquellen, die er sieht, auch aktivieren kann.

Johannes lässt Seelsorge beim genauen Hinschauen mit konzentrierten Zuhören beginnen. Dann bestimmt das Gegenüber, wie es in der Entwicklung des Seelsorgegesprächs weitergehen sol. Eine Frage leitet diesen nächsten Schritt ein. Dann spricht Jesus dem Anderen zu, dass sich seine Not ändert, weil er an sich, seine Gott gegebenen Fähigkeiten und Gott glaubt (Joh 5,1ff).“Steh‘ auf, nimm dein Bett und geh!“ diesen Satz wird im Johannesevangelium berichtet, sagt Jesus zu ihm. Manchmal bedarf es einen kleinen „Schupses“. Bei einem jungen Mann, der über längere Zeit bei mir in Beratung war, weil seine Frau ihn mit zwei kleinen Kindern wegen eines anderen Mannes verlassen hatte, immer wieder zu Weinausbrüchen, er war untröstlich, sein Lebenskonzept war in die Brüche gegangen. Da suizidale Anzeichen gespürt wurden, arbeitete ich mit seinem Hausarzt zusammen, der im zur Überbrückung Medikamente verschrieb. Als er eines Tages wieder tränenaufgelöst in die Beratungsstelle kam, berichtete er mir, dass er nicht wisse, was er tun solle, er ginge nirgends mehr hin, niemand interessiere sich für. „Na ja“, sagte ich „Selbstmitleid macht nicht gerade attraktiv“. In der nächsten vereinbarten Stunde, schilderte er mir strahlend, wie ihn mein Satz beschäftigt hätte und dass er ausgelöst hat, das er zur Vereinsveranstaltung, zu der er natürlich eigentlich gar nicht gehen wollte, doch gegangen ist. Und welch‘ ein Wunder, dort traf er eine Frau in seinem Alter, die er schon öfter gesehen hatte und die ihm gefiel. Sie war ebenfalls getrennt und hatte zwei Kinder. Er meinte, er brauche die Beratung jetzt nicht mehr. Ich sagte ihm, dass ich mich freuen würde, so evtl. in drei Monaten wieder etwas von ihm zu hören. Er rief nach dem Zeitraum bei mir an und erzählte, dass er glücklich sei und sie nun als Paar zusammen wohnen würden.

Mit der Heilung des Gelähmten ist die Geschichte aber bei Johannes noch nicht zu Ende. Jesus Seelsorge ist nachgehende Seelsorge. Der Genesene trifft wieder auf Jesus und wird ermahnt, sich um sein Leben zu kümmern und die Änderungen nicht schleifen zu lassen (Joh 5,14). Es scheint um „Erfolgskontrolle“ bzw. Nachhaltigkeit zu gehen. Auch bei einer Seelsorge, die so nebenbei passiert, können Sätze Hilfesuchenden wichtig werden, dann heißt es manchmal nach Jahren: „Wissen sie noch was sie damals gesagt haben? Das hat mir immer wieder geholfen.“


Paulus

Ob Paulus als Vorbild für die Seelsorge etwas hergibt, frage ich mich. In die Herzen der Christen hat er sich als erster großer Theologe eingeschrieben. Aber sehr persönlich werden die Nöte und Zweifel des Paulus in den Briefen bekannt und dargelegt. Er zeigt, dass er die Täler der menschlichen Seele kennt  und er kann beistehen mit seinen Worten: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (Röm 8,26). Wenn einer in der Gemeinschaft „außer Rand und Band“ ist, rät Paulus: „Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh` auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“ (Gal 6,1). Um einen wieder auf „Kurs“, in die Gemeinschaft zurückzubringen, empfiehlt Paulus Sanftmut, ich würde heute Geduld sagen. Und er verkneift sich einen Hinweis auf die eigene Unzulänglichkeit des Helfenden nicht, damit dieser, so denke ich, nicht überheblich oder arrogant wird. 

Dass einen eine Verfehlung ereilt, deutet daraufhin, dass es sich um eine Macht handelt, was auch in folgenden Vers zum Ausdruck kommt: “Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“ (Röm 12,21).

Welche Vorstellungen haben wir von dem sogenannten Bösen?  Das Böse ist der Verstoß gegen die gute Ordnung der Schöpfung. Es ist zerstörerisch. Im Vater unser heißt es: erlöse uns von dem Bösen. Es gefährdet unser Sein in jeder Hinsicht, körperlich und seelisch.  Es stellt sich zwischen Gott und Mensch. Aber das Böse bleibt ein Teil im Menschen, so wie das Gute auch. Wir machen Fehler, werden anderen Menschen nicht gerecht, laden Schuld auf uns, Beziehungen zu anderen werden zerstört. Wie können wir dem Bösen entrinnen, der Sünde, der Trennung von Gott und Mensch entkommen, das ist immer wieder eine Frage in der Seelsorge?  Paulus hilft sich indem er die Perspektive auf das Böse verändert. Es wird einmal als gegeben und bedrohlich wahrgenommen und zweitens als Aufgabe verstanden, es zu überwinden. Jeden Tag sind wir in den Entscheidungen, die wir zu treffen haben,  herausgefordert, uns der Frage, was ist gut oder böse, richtig oder falsch, zu stellen. 

„Warum habe ich das getan?“, eine Frage eines Verzweifelten an einen Seelsorger. Das Böse in uns kann immer wieder stärker sein als der eigene Wille zum Guten.  Paulus schreibt: "Ich weiß ja, dass in meiner Natur nichts Gutes wohnt. Obwohl es mir nicht am Wollen fehlt, bringe ich es nicht zustande, das Richtige zu tun. Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht tun will ".  Paulus betont die immerwährende Möglichkeit des Bösen in uns. Das zu erkennen und als eigenen Anteil zu integrieren, ist ein Schritt auf das Gute zu.  Wir brauchen das Böse nicht beim Anderen zu suchen und nur dort zu bekämpfen. Die Bitte an Gott, uns beizustehen, hilft: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute." (Röm12,21). Das Gebet, das Gespräch mit mir selbst und mit Gott unterstützt unser Suchen nach dem Guten. Mit Gottes Hilfe gelingt es uns, das Gute zu tun. Paulus ermuntert uns, uns nicht vom Bösen überwinden zu lassen. Er spricht von sich, wie er das Gute tun will, aber nur das Schlechte zustande bringt. Trotzdem sind wir in der Lage aus dem „Teufelskreis“ der negativen Gedanken, der zerstörerischen Mächte auszusteigen. Wir sind zum Guten fähig, weil Gott uns die Hoffnung gegeben hat, dass alles gut wird. Wie und wann wissen wir nicht, aber die Hoffnung und sein Versprechen sind da! Ich übersetze Paulus für uns heute: Du brauchst das Böse nicht tun, es ist so viel Gutes in dir, das auf Verwirklichung wartet. Gott unterstützt dich! "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute." (Röm12,21) Es gibt immer wieder den Weg zum Guten.

Auch verweist er auf den heilenden Aspekt der Gemeinschaft von Glaubenden. Wie ein Leib mit vielen Glieder, an dem jeder den anderen braucht ist sein Bild für das Zusammensein. Wenn ein Glied krank ist, fehlt den ganzen Leib etwas (Röm 12, 4-6). Sogar als etwas für unsere Zeit heute sehr Gängiges präsentiert er sich: als Glückscoach! Wie wird man glücklich: Liebt ohne Hintergedanken, seid fröhlich, macht aus dem, was das Leben einen beschert das Beste, pflegt spirituelles Leben, freut euch mit anderen, zeigt eure Gefühle, weint mit den Weinenden, haltet Frieden (Röm 12,11-18).


Begegnung verändert: Zachäus

Beziehung und Ressourcenorientierung sind entscheidende Schlagwörter moderner Beratungstätigkeit. Keine biblischen Begriffe, wie man unschwer erkennen kann. Aber die Idee, die dahinter steckt, lässt sich meines Erachtens schon in der Bibel finden. Was steckt im Menschen, zu was ist er fähig? Exemplarisch ist die Erzählung vom Zöllner Zachäus (Lk 19,1-10). Er hatte den Ruf, ein Betrüger zu sein, mehr Zoll einzunehmen als rechtens war. Gesellschaftlich war er wohl in einer Außenseiterposition und geächtet, wer ließ sich schon mit so einem ein? Als er von Jesus und seiner Botschaft hörte, wollte er, wie viele andere auch dabei sein und ihn sehen. Dazu kletterte er sogar auf einen Baum. Und gerade ihn wählt Jesus aus: Zachäus kann ich heute bei dir essen?

Diese Begegnung verändert Zachäus, er schwört seinem alten Leben ab und wird ein neues ohne Betrügereien beginnen. Was ist passiert? Zachäus muss wohl gespürt haben, das sein Leben, so wie es war, nicht befriedigend war. Etwas in ihm, hat ihn zu Jesus und auf den Baum getrieben, die innere Not, vielleicht? In Jesus kommt ihm sozusagen ein „Gegenmodell“ entgegen. Das innere Gefühl wird zur Gewissheit, dass sich etwas in seinem Leben ändern muss. Allein würde er es vielleicht nicht schaffen, aber er ist nicht allein, Jesus sieht ihn, seine Not und seine inneren Ressourcen, neu anzufangen. Vielleicht, so denke ich, hätte ein Wort von Jesus gereicht und Zachäus wäre ein anderer geworden, aber Jesus bietet ihm sich selber, seinen Besuch, seine Nähe und die Beziehung zu ihm an. Eine nachhaltige Veränderung wird für Zachäus möglich. Da ist jemand, der in ihm den guten Willen zu einem richtigen Leben gesehen hat und Jesus hat das vor anderen gezeigt, dass er würdig ist. 

Ein Mensch gerät in die Krise, hadert mit seinem Leben, weiß nicht wie eingefahrene Bahnen verlassen kann. Er lässt sich in der Beratung auf einen anderen Menschen ein, der an ihn glaubt, die Kraft, die Energie zum Neuanfang, die Ressourcen sieht und er verändert sein Leben. Der Beratende begleitet ihn noch eine Weise bis sich das neue Leben nicht mehr fremd anfühlt.

Beratung und Seelsorge in der Nachfolge Jesus sieht den einzelnen und seine Möglichkeiten, die Gott in ihm angelegt hat.


Die Bekehrung des Paulus als Seelsorgeereignis

In der Apostelgeschichte wird von der Bekehrung des Saulus zum Paulus berichtet (Apg 9, 1-19). Saulus, der erbitterte Gegner des sich entwickelnden neuen Glaubens, ist unterwegs nach Damaskus, um die  Anhänger des neuen Weges dingfest zu machen. Auf dem Weg dorthin fällt er auf den Boden und hat ein Erlebnis, das er nicht einordnen kann. Er hört Stimmen, die auch seine Begleiter hören, aber sie sehen nichts. Als er aufsteht, bemerkt er, dass er nichts mehr sieht, blind ist und seine Begleiter müssen ihn führen. In Damaskus angekommen, finden sie Unterkunft, Saulus aber isst und trinkt nichts und die, und die mit ihm gegangen waren, fangen an sich große Sorgen um ihn zu machen. Da bittet Hananias um Einlass und will Paulus sehen. Hananias war Christ und hätte keine Veranlassung gehabt Paulus aufzusuchen, der eine Vollmacht in Händen hielt, alle, die sich zu Jesus bekennen, gefangen zu nehmen. Aber er hat Gottes Beauftragung gespürt, sich auf den Weg zu Saulus zu machen.

Es gibt für mich keine einfache Erklärung für das, was geschehen ist. Ist es der Zufall, der Menschen zusammenbringt, ist es Gott? Oder begegnet uns im Zufall Gott? Ein möglicher Erklärungsversuch wäre, dass Saulus einen Schwächeanfall hatte, der ihn zeitweise erblinden ließ. Vielleicht war diese plötzliche körperliche Schwäche der Auslöser dafür, dass Saulus ins Nachdenken geraten ist über seine unbändige Verfolgung (Apg 9,1) der Anhänger Jesu. Eine unfreiwillig eingelegte Fasteneinheit klärt nicht nur die körperlichen Funktionen, sondern auch den Geist. Eine neue Sicht der Dinge wird möglich, die Erzählung spricht davon, dass Paulus „wieder sieht“, wenn man auch nur kurze Zeit blind war, sieht man sich und die Welt neu. Nicht zu vergessen bei diesem Vorgang in Paulus ist die Rolle von Hananias, die Begegnung mit ihm, verändert die Weltsicht des Paulus, denn obwohl Hananias Christ ist, ist er bereit Paulus zu treffen und ihm zu helfen.

Dinge neu und anders sehen und dadurch das eigene Leben verändern, kann ein Ergebnis einer seelsorglichen Begleitung von Menschen sein. Paulus auf jeden Fall findet zu sich und seinen eigentlichen Aufgaben im Leben, nicht die Verfolgung von Christen ist sein Lebensziel sondern die Nachfolge Jesus.


Wüstenmönche, Seelsorge in der Alten Kirche

Waren die ersten Jahrhunderte nach Jesus Erscheinen auf der Erde durch Verfolgung und oft auch Tod seiner Anhänger geprägt, weil viele den Märtyrertod sterben mussten, standen die Christen ab ca. 300 n. Chr. vor anderen Herausforderungen. Die Radikalität der Entscheidung, die von jedem einzelnen gefordert wurde, wenn er sich zu Christus bekannte, hätte seine Schärfe, nämlich den drohenden Verlust des Lebens verloren. Die offizielle  Anerkennung des Christentums, der Beginn der Staatkirche war mit einer zunehmenden Verweltlichung des Christentums verbunden. Vielen erschien das Leben, vor allem in Ägypten, verbunden mit der Entwicklung der feinsinnige Spätkultur der Antike und das Leben in den Städten verdächtig und nicht fromm genug. Diese Entwicklung rief eine Gegenbewegung hervor, die ihre radikale Einstellung in der Einsamkeit, der Wüste oder in Gemeinschaften verwirklichen wollten. Es ist die Zeit, in der das Mönchtum seinen Siegeszug beginnt, hier konnte die Radikalität des Glaubens und die Hingabe an Christus gelebt werden. Viele zog es zur intensiven Glaubensausübung in die Abgeschiedenheit und Einsamkeit des Eremitentums. Die sich nun bildenden klösterlichen Gemeinschaften übernahmen die Funktion der früheren christlichen Gemeinden, weil diese vieles ihrer geistlichen Tiefe verloren hatten. Dagegen wurde das Klosterleben zum Modell der Urgemeinde, weil dort tätige Liebe und „brüderliche Ermahnung“ praktiziert wurde. Gottes-Dienst und Handarbeit, sowie das Schweigen spielten eine große Rolle in ihrem Leben. Gerade die Einsiedler, die die Kraft aus Wortkargheit und Gebet bezogen waren gesuchte Seelsorger. Und das aus gutem Grund, denn sie halfen vielen Menschen in Not und Leid und hatten wirklichen Trost für sie. Das, was heute in Seelsorgeausbildungen u.a. gelehrt wird: Einfühlungsvermögen, Empathie, Zurückhaltung war vielen der Wüstenmönche eigen bzw. wurde in anderer Form als heute durch Seelenführer, heute sprechen wir von geistlichen Begleiter, trainiert. Durch Fasten und Askese sollte Platz- Machen für den Heiligen Geist geschehen. Die Zelle im Kloster entsprach der Einsamkeit in der Wüste, hier wurde Beten, Schweigen und Betrachten geübt.

Eine Sammlung von weisen Lebensanregungen aus dem 5. Jahrhundert zeigt, dass viele Mönche der frühen Zeit zu herausragenden Seelsorgern geworden waren. Wie kam es dazu? Sie haben sich in ihrem Glaubensleben viel abverlangt. Die Erwartungen an das, was ein Bruder in seiner Zelle zu tun hat, waren deutlich: „Das Leben in der Zelle ist, äußerlich betrachtet, Handarbeit, einmal essen am Tag, Schweigen und Betrachten, die Gebetszeiten einzuhalten und das Verborgene nicht zu übersehen, Gemeinschaft mit Gutem zu gewinnen, sich von Bösem fern zu halten.“

Das Glaubensleben der Mönche damals ist mit unserem heutigen nicht eins zu eins zu vergleichen und doch gibt es für mich Gesichtspunkte damaliger Glaubenspraktiken oder Lehren, die auch heute noch Wege weisen können. In dem Hinweis, sich dem Betrachten zu widmen und in der Anweisung, das Verborgene nicht zu übersehen, sehe ich Ähnlichkeiten mit der Methode der Achtsamkeitstherapie (Jon Kabat Zinn). Leben kann gelingen, wenn es einen Ausstieg aus der Hektik des Alltags gibt. Er kann auch heute im Betrachten und in der Achtsamkeit gefunden werden. Jeden Augenblick bewusst handeln, nicht automatisch. Zum Beispiel den Bissen zu schmecken, denn ich gerade esse und ihn nicht nur zu kauen und runterzuschlucken. Achtsam zu leben, hat heilsame Wirkungen auf den Alltag, diese Lebensart entschleunigt und legt den Blick auf das, was im Augenblick wichtig ist.

Das biblische Wort wurde meditiert. Was wir unter Meditation verstehen, kann sehr unterschiedlich praktiziert werden. Die Meditation der Mönche war die Wiederholung biblischer Worte oder Texte. Das murmelnde „Wiederkäuen“ biblischer Begriffe mündete im Gebet. Daraus erwuchsen die seelsorglichen Hilfen. Eine beherzigenswerte Antwort auf die Frage, was man tun solle, wenn man Gedanken habe, die einen beherrschen, die man nicht stoppen könne, das sogenannte Gedankenkarussell, gab ein altwürdiger Mönch. „Vater, ich habe vielerlei Gedanken und komme durch sie in Gefahr.“ „Was kann dagegen getan werden?“, wurde gefragt. Der Mönch führte den Fragenden ins Freie und sagte: „Breite dein Obergewand aus und halte die Winde auf!“. Die Antwort lautete: “Das kann ich nicht.“ „Wenn du das nicht kannst, wie willst du deine Gedanken hindern zu dir zu kommen? Es ist aber deine Aufgabe sie nicht festzuhalten, sondern gehen zu lassen oder ihnen zu widerstehen.“

Es wurde schnell bekannt, dass es Männer und Frauen gab, die durch ihr Leben in der Wüste oder in der Klosterzelle, zu geistlich Erfahrenen und Vertrauenswürdigen geworden waren. Viele Menschen strömten zu ihnen, um sich Rat zu holen oder sich unter ihre Führung zu begeben. Oft plagte die Menschen die Frage, wie sie vor Gott richtig leben könnten? Der Mönch oder die Nonne wurden mit „Vater“ oder „Mutter“ angeredet. Eine wichtige Frage Vieler war: „Vater, sag‘ mir ein Wort! Was kann ich vor Gott richtig machen?“. Es ist eine Frage, nach der persönlichen Mensch- und Selbstwerdung. Sie thematisiert das eigene Glaubensleben.

Die Frage nach einem Wort, einem Satz begegnete mir im Rahmen der Beratungsarbeit und an Dekanatsfrauentagen. Da hieß es manchmal: „Haben Sie ein Wort, einen Satz (Apophthegma) für mich ganz persönlich?“. Das ist der Wunsch nach einem Sinnspruch, danach, dass es etwas gibt, was den Menschen direkt trifft, berührt und bleibt.

Die Mönche und Nonnen sprachen nur, wenn sie angesprochen oder um Hilfe gebeten wurden. Ihnen ging es darum, Vorbild in der Glaubenshaltung, im Ernst der Ausrichtung auf Gott zu sein. Angesprochen gingen sie einfühlsam auf das Problem des Menschen ein und orientierten sich bei der Beratung an kurzen seelsorglichen Weisungen. Sie mussten leicht behalten, auswendig gelernt und weitergegeben werden können. „Drei Dinge will Gott vom Gläubigen: Glauben von ganzer Seele, Wahrheit auf der Zunge, Keuschheit in den Dingen des Leibes“: gibt Vater Gregoius den Suchenden mit auf den Weg. Wie die Fragenden es schaffen könnten, diese Ziele in ihrem Leben umzusetzen, wurde in Einzelgesprächen durch genaues Hinschauen auf die Situation, in der sie waren, geklärt. Der Anfang wurde im gemeinsamen Gespräch gemacht, leben muss es der Ratsuchende im Alltag. Die Entscheidung zum richtigen Weg und die Verantwortung, dem Rat die Tat folgen zu lassen, bleiben in der Hand des Fragenden. Die Mönche und Nonnen befahlen nicht, sie begleiteten den anderen Menschen ein Stück ihres Weges.

Charakteristisch für die Seelsorge der Nonnen und Mönche war, das Wissen um die innere Ruhe und Gelassenheit. Sie war für sie die Voraussetzung für die Annahme eines Menschen.


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