Den richtigen Satz zur richtigen Zeit


Buchbesprechung meines Werkes „Den richtigen Satz zur richtigen Zeit. Kurzberatung in der Trauerbegleitung“  durch Klinikseelsorger und Hospizpfarrer i.R. Robert Cachandt, 35519 Rockenberg


Ich bin froh diese Arbeit gelesen zu haben. Sie bestärkt mich in der Überzeugung, die wir als langjährig Mitarbeitende in der Hospizarbeit gewonnen haben: Für unsere Begleitungen  schwerst- und sterbenskranker Menschen gilt die Devise: „Regie führt der sterbende Mensch!“ An diesem Postulat müssen sich alle unsere Begegnungen mit den uns anfragenden Mitmenschen in den Altenheimen, in Hospizen, Krankenhäusern und in privaten Wohnungen messen lassen! Schulungen und Fortbildungen zielen darauf ab. 

Die Ausführungen  der Autorin, die ich zu besprechen habe, fokussieren sich ganz in diesem Sinne. Sie sind getragen von umfänglichen Erfahrungen in der Schulungs- und Beratungsarbeit für Telefonseelsorgende und Hospizmitarbeitende. Für diese Beratungstätigkeiten  bietet sie nun ein ausdifferenziertes Konzept der „Kompakt-„ oder „Kurzberatung“ an.  Begründung ergibt sich in zweifacher Hinsicht:

Zum einen verknappen sich in unseren Tagen in den Einrichtungen  die Kontakt- und Begegnungszeiten zwischen Patienten bzw. Klienten und dem medizinischen bzw. seelsorgenden Personal  (hohe „Fallzahlen“ stehen einem engen Personalschlüssel gegenüber !); außerdem bieten  sich oftmals bei kurzen Verweildauern in  Krankenhäusern und Hospizen nur wenige knappe Gelegenheiten für ein  hilfreiches Gespräch.

Zum anderen aber finden sich  eine erhebliche Anzahl inhaltlicher Gründe, die  für eine Kurzberatung sprechen. Sie wurzeln zunächst in der schlichten Erfahrung, dass oftmals nur „der richtige Satz zur richtigen Zeit“ für den Patienten bzw. Klienten eine Problemlösung eröffnen kann. Ein „verblüffender Satz macht dem Gehirn Beine“; er wirke hirnphysiologisch gleich einem „Geistesblitz“ oder einem „Aha Erlebnis“ hebt die Autorin hervor. Bei diesen Fällen bedarf es keiner andauernden, eher rückwärtsgewandten  Problemanalyse. Ein Satz, bisweilen auch  nur ein Wort, vermag die immer schon in einem Ratsuchenden ruhenden Lösungs- und Befreiungspotentiale (Sinnpotentiale) zu wecken und ihn aus dem Gedankenkarussell der Problemanhäufungen zu lösen (Dezentrierung).

Im Rückgriff auf das Menschenbild der Logotherapie von Viktor Frankl gehört es zu den Grundlagen dieser Kompaktberatung,  dem „Sinn“, dem „Geist“ in allen Situationen des Menschenlebens eine unzerstörbare Existenz einzuräumen. Er finde seinen Ort „sozusagen als etwas Drittes“; als „jene Ereignisse im dazwischen der beratenden und therapeutischen Beziehung“ – keinesfalls vorhersehbar, nicht machbar oder einfach reproduzierbar. So könne man in diesem Zusammenhang durchaus vom Wirken des „Heiligen Geistes“ reden.  Dabei bekommen die Ausführungen von der Wirkmächtigkeit des Wortes/eines Satzes eine tragende Bedeutung. Unter Hinweis auf  biblische Überlieferungen, auf Poesie und  Märchenwelt gewinnt besonders die Darstellung der seelsorgerlichen Praxis der Wüstenväter Ägyptens (ca. 3./4. Jhdt. n.Chr.) ein eigenes Gewicht für die Gesamtkonzeption und wird als vorbildhaft für „Kompaktberatung“ aufgenommen: Nur wenn der Vater gefragt wurde gab er  dem Fragenden eine Satz, eine Sentenz mit auf dem Weg, zunächst oftmals sperrig, verwirrend, aber in seinen Nachwirkungen im Ratsuchenden für diesen erhellend und mit entscheidenden Hinweisen versehen.

Allerdings werden derart wirksame Sätze auch nur in Personen geboren, die mit sich selbst in Ruhe, Gelassenheit und mit Übungen in Abgeschiedenheit, Meditation und Gebet befasst sind.

In einem 2.Teil  wird von der Autorin die Trauerbegleitung des Näheren besprochen unter der Überschrift „Leid und Tod sind Teil des Lebens“. Auch hier stehen wiederum  grundlegenden Gedanken  Viktor Frankls im Vordergrund. An der Grenze des Lebens gilt es diese anzunehmen, die Einmaligkeit und die Endlichkeit  des gelebten Lebens sinnhaft zu bewerten. Im christlichen Sinn gesprochen habe  Gott  die „Demarkationslinie für uns letztlich wieder aufgehoben in dem Versprechen, dass seine Zuwendung auch über den Tod, also über die Begrenzung hinaus besteht.“

In eindrücklichen Gesprächsprotokollen dokumentiert die Autorin  die Wirksamkeit der Kurzberatung in verschiedenen Sinnkrisen von  trauernden Menschen.

Es wird notwendig, zwei Fragen zu klären:

  1. Welche „Performance“, welche seelische und geistige Ausstattung sollten die Beratenden, die Seelsorgenden haben, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden?
  2. Welche „Instrumente“, welche Praxis zeichnet diese Beratung aus?

Zur 1. Frage gibt die Autorin eine klare, überzeugende Antwort: Man sollte etwas vom Leben verstehen! Hier schätzt sie in einer erfreulichen Weise die Möglichkeiten älterer, lebenserfahrener ehrenamtlich Tätiger. Denn ehrenamtliches Engagement „bringt dem Einzelnen lebenswerte Vorteile“; soziales Engagement wirke sich lebensverlängernd aus. Das  habe  eine Reihe von Studien gezeigt: Zuwendung zu den Mitmenschen sei „offensichtlich allen Anti-Aging-Mitteln überlegen.“ Darin bekundet sich ein sehr wertvoller persönlicher Lebensstil, der in der Überzeugung ruht, für etwas oder jemanden dazusein.  Das bestätigt uns  immer wieder die Vielzahl rühriger Ehrenamtlicher in unseren Hospizgruppen, für die wir sehr dankbar sind und deren Einsätze wir nicht hoch genug schätzen können!

„Vom Leben etwas verstehen“ heißt für unsere Autorin in einem Sinnzusammenhang zu leben, der einen Balance gleichkommt, einem „Dazwischen“ zwischen Versöhnung und Verzweiflung“ – zwischen „Annahme und Auflehnung“ usw. „Leben verstehen“ gelingt dann, wenn man dessen komplementären Facetten für sich selbst und auch für die Ratsuchenden. Dieses Kapitel ist sehr überzeugend mit Beispielen aus Gesprächsprotokollen versehen. Es könnte durchaus zur Lektüre in einem Schulungskurs für Ehrenamtliche in einer Hospizgruppe dienen.

Zu 2. Der Einstieg in Praxis der Beratung setzt bei Prozessbeginn allemal „Geistesgegenwart“ und „Auftragsklärung“  bei dem Beratenden voraus. Unter dem Leitwort “Antennen auf Empfang“ folgen dann zehn für den Beratenden mögliche Interventionen mit Handlungshinweisen („So kann´s gehen“). Für jeden Schulungskurs ruht hier wertvolles Material – z.B. in stützenden Merksätzen für Übungseinheiten.

Um schließlich  „das richtige Wort zur richtigen Zeit“ einbringen zu können sollte die/der Beratende diesen Prozess  für sich klar durchspielen:

Den passenden Moment „erwischen“ (Kairos!) – Aktives Zuhören ausüben - Agieren , dabei vor allem: Dezentrieren! „ Denn dann findet die Lösung zum Problem.“

Eine persönliche Trauerbegleitung, ebenso wie andere hospizliche Begleitungen,  sollten schon die Absicht eines klaren Endes in sich tragen und in diesem Sinne zielführend sein: Dem um sein nahendes Sterben Trauernden vermag es Trost und Hoffnung zu sein, darin eine ihm persönlich eigene Sinnhaftigkeit  zu finden. Dem Hinterbliebenen  mag ein „richtiges Wort zur richtigen Zeit“  neue Lebenswege eröffnen. Und schließlich sollte der Beratende selbst für sich den Beratungsprozess hinter sich lassen, „denn das Leben geht ja weiter!“

Dieses Buch gehört zur Basisqualifikation  für die  Hospiz- und Trauerarbeit. Es baut auf  ein  Menschenbild, dass kultur- und religionsgeschichtliche Tiefe zeigt und damit der Würde des Menschen, wie wir sie verstehen, angemessen ist. Für den/ die Beratende bedeutet es aber  „in erster Linie, die eigene Persönlichkeit zu schulen und zu pflegen.“


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