Kompaktberatung


Ein Wort das heilt

Die Wüstenmönche des Mittelalters trieben Seelsorge mit kurzen Sentenzen (Apophthegmata), die sie Ratsuchenden mit auf den Weg gaben. Dass sie die richtigen Worte fanden, war bedingt durch ihren großen Erfahrungsschatz, den sie sich erarbeitet hatten und durch die Tiefe und Aufrichtigkeit ihres Glaubens. Ihre Apophthegmata erwuchsen aus der Begegnung zweier Menschen, deren Seelen ins Gespräch gekommen sind. Die Aphophegmata der Wüstenväter, die Sätze und Sprüche, die sie einem Menschen mitgegeben haben und die ihnen halfen in ihrem Leben klar zu kommen, können als Wegweiser für eine neue zeitgemäße Beratungsform, von mir genannt Kompaktberatung, angesehen werden. Die Zuwendung der Mönche in einer in der Regel einmaligen Begegnung, veränderte das Leben der Ratsuchenden.


Die seelsorgliche Begleitung der Wüstenväter als Vorbild für eine zeitgemäße Beratungsarbeit

Wie funktioniert Kompaktberatung?

Was macht das Geheimnis der Mönche und Nonnen in der Begleitung von Menschen aus? Die aufgesuchten Mönche waren tief in ihrem Glauben verankert und strahlten Ruhe und Gelassenheit aus und ihnen fiel der richtige Satz für jeden Menschen zu. Für heute übersetzt, heißt das:

  1. Die persönliche Vorbereitung eines Menschen, der in der Seelsorge tätig ist, ist eine Voraussetzung, um Ratsuchenden ein angemessener Partner zu sein.
  2. Vorbehaltlose Annahme und anteilnehmende Konzentration auf den Menschen, der zu einem kommt, ist nötig.
  3. Das hilfreiche Wort kommt nicht allein aus der Kenntnis der Heiligen Schrift, sondern zeigt sich in der Begegnung mit dem beratenden Menschen; darin ereignete sich das Besondere.
  4. Dem Ereignis, dem Heiligen Geist wird Raum gegeben.
  5. Was als Wort mitgegeben wird, ist nicht eingängig oder selbsterschließend, es ist ungewöhnlich und verblüffend für den Ratsuchenden, löst Geistesblitz oder AHA-Effekt aus.
  6. Diese Form der Beratung generiert „entscheidende Hinweise“, ob der andere sie im Augenblick versteht oder sie langfristig wirksam werden, bleibt offen.

Gerade im Rahmen von zeitlich begrenzten Hilfen ist es dringend erforderlich, aus dem Gedankenkarussell der Problemfokussierung auszusteigen. Nur dadurch ist es einem Menschen möglich, neue Wege zu sehen oder Veränderungen zuzulassen. Einer Dimension des Dritten, dem etwas, das „dazwischen“ tritt, gilt es, in den Begegnungen Raum zu geben.

Für den, der begleitet sind die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, die Klarheit der Gedanken und die Möglichkeit, sich flexibel auf Andere einzustellen sowie Dezentrierungssituationen zum Beispiel durch Verblüffung herzustellen, eine unverzichtbare Vorbereitung.Die Tradition der Apophthegmata, dieser kurzen, prägnanten Sätze, die gut zu merken sind, wird die Menschen wie ein Blitz treffen, Unerwartetes erzählen, vor den Kopf stoßen können, und somit Dezentrierungsmöglichkeiten auslösen.

Durch die Los-Lösung von der Problemzentrierung wird zugelassen, dass Erkenntnisse zum Menschen kommen. Der Lernerfolg basiert auf dem AHA-Effekt, der hirnphysiologische Auswirkungen hat. Er stellt sich ein, nachdem für ein Problem mit den vorhandenen Mitteln und Überlegungen keine Lösung gefunden worden ist und der, das Ergebnis Suchende, sich etwas ganz anderem zugewandt und damit beschäftigt hat. Die Lösung findet das Problem. Gewissheit, dass das Resultat den Menschen sucht und die Fähigkeit, die Machbarkeit loszulassen, sind nötig, damit der Prozess gelingt.

Dezentrierung

Dezentrierung kann in unterschiedlichen Weisen erfolgen, wie Humor, paradoxe Intention, Kunstinstallation oder ähnliches. Vertreter des Konstruktivismus wenden zum Beispiel paradoxe Aufgaben zum konsequenten Wechsel von Wahrnehmungspositionen an. Ziel ist, die verfügbaren Handlungsoptionen zu erweitern. Es geht um Vergrößerung von Möglichkeiten, die sich eine Person durch dieses Vorgehen eröffnen kann. Dies ist im Beratungskontext von entscheidender Relevanz. Dem Dritten Raum wird durch Dezentrierung Raum eröffnet und bereitet. Ein innerer, virtueller Bereich, nämlich die Öffnung von eingefahren Haltungen hin zu etwas Neuem und die Erweiterung der mentalen Einstellungen auf unvorhergesehene Geschehnisse, wird möglich.

Das AHA-Erlebnis lässt sich über bildgebende Verfahren darstellen, dabei zeigt sich die Aktivierung von Hirnregionen, die für die Kreativität zuständig sind. Die mithilfe des AHA-Effekts dargestellte Lernmöglichkeit wird auch im Bereich Sport beziehungsweise Akrobatik genutzt. In einer Anleitung zum Jonglieren wird beschrieben, dass, wenn ein Ball auf den Boden fällt, man es für sich nicht negativ kommentieren, nach dem Motto: „so nicht“, sondern es geht darum, das Geschehen positiv zu registrieren, indem „aha“ gesagt wird und die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, wie es das nächste Mal anders werden kann.

Denn durch diesen „Fehler“, das Fehlen einer bestimmten Fähigkeit, reift die Fertigkeit, die Tätigkeit auf eine andere Art und Weise fortzusetzen. „Wenn aber etwas nicht so läuft, wie Sie es sich gewünscht haben, dann ist ein entscheidender Moment gekommen, indem wir einen Schritt nach vorne machen können. Das Geheimnis und gleichzeitig der Turbolader für das Lernen liegen in dem kleinen Wörtchen „AHA“. AHA ist der Unterschied zwischen Bewerten und Wahrnehmen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein Beispiel aus meiner Arbeit in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung verdeutlicht die Wirkung eines Satz in recht drastischer Weise. Folgendes trug sich zu: Ein junger Mann hatte, so stellte es sich für ihn dar, alles verloren. Er war KFZ-Meister, erfolgreich und zufrieden in seinem Beruf, und vor allem lebte er seinen Traum, den er schon seit der Pubertät träumte. Er wollte nämlich Vater von zwei Kindern sein. Sein Traum von der kleinen Familie war in Erfüllung gegangen. In der Nähe seiner Arbeitsstelle hatte er ein Haus für die Familie gebaut und konnte durch die räumliche Nähe viel Zeit mit seinen Kindern verbringen. Seine beiden Mädchen waren im Grundschulalter. Aus seiner Sicht war ihr Idyll das perfekte Glück.

Seine Frau teilte offenbar diese Gefühle nicht. Sie hatte einen anderen Mann kennengelernt und wollte sich trennen, was sie auch tat. Sie zog in die Wohnung des Geliebten und nahm die Kinder mit. Für den Verlassenen brach die Welt zusammen, der junge Mann löste sich vor mir, der Beraterin, in Tränen auf.

Seine Reaktion war angemessen und verständlich. In gewisser Weise litt ich mit. Wie ein Luftballon zerplatzte sein Glück. Nichts war mehr da, die Stücke des Luftballons hatte der Wind verweht. Was tun? Zuerst ging es darum, ihn mithilfe des Hausarztes zu stabilisieren. Eine Zeitlang war er selbstmordgefährdet. Später kam er regelmäßig zu mir. Jede Sitzung endete damit, dass er unendlich traurig war und mir sagte, dass sein Leben keinen Sinn mehr habe, er wolle nirgends mehr hingehen und sich nur noch verkriechen.

In einer unserer letzten entscheidenden Sitzungen, erzählte er mir, dass sein Fußballverein Mitgliederversammlung habe und er auf dieser Sitzung bisher noch nie gefehlt habe, aber diesmal wolle er natürlich nicht hingehen, das könne er nicht aushalten, die vielen fröhlichen Menschen und hinterher wäre noch Grillen und Biertrinken angesagt. Er müsse ja doch nur heulen. Nein, das ginge überhaupt nicht. Und trotzdem beschäftigte ihn, dass er bisher immer dagewesen war und nun zum ersten Mal nicht hingehen würde, weil er ein armer, verlassener Ehemann sei.

„Was denken denn die anderen über mich, wenn ich da aufkreuze?“ Dieser Gedanke nahm ihn in Beschlag, und er wurde wieder sehr traurig. Meine bisherige Beratungsstrategie war von Empathie, Einfühlung und Verständnis geprägt. Menschliches Verhalten, das wusste ich, verändert sich in der Regel durch Unerwartetes, durch etwas, das herausfordert, die Gedanken anregt, evtl. sogar alles auf den Kopf stellt. Und meinem Mund entfloh folgender Satz: „Lieber Herr X., ich kann Ihre Gefühle gut nachvollziehen. Aber, wenn Sie wissen wollen, was ich denke?“ ‑ Was er eben gerade wollte! ‑ „Dann kann ich Ihnen nur sagen (und ich hatte ein Lächeln auf den Lippen): Selbstmitleid macht nicht attraktiv!“

Mit einer solchen Intervention hatte er aufgrund meines bisherigen Verhaltens nicht gerechnet. Er war perplex und überrascht (zum Beispiel Instrumente des Witzes, Humors, der paradoxe Intention). Diese Einlassung wurde als Unterbrechung des Gedankenkarussells des Klienten analog der Methode der Dezentrierung eingesetzt. „Okay“, meinte er, „ich wollte Ihre Meinung hören, das ist ein harter Satz.“ Er verabschiedete sich freundlich.

Eine Woche nach unserem Gespräch rief er mich an. „Ich bin so glücklich, ich kann es kaum fassen. Und wissen Sie, was mir geholfen hat, was entscheidend war?“ „Ja, was“, fragte ich. „Ihr Satz: Selbstmitleid macht nicht attraktiv! Das hat gesessen, genauso war das. Ich habe plötzlich verstanden, was in mir vorgeht und wie ich wirke. Ich habe mich beim Schopf gepackt und bin auf die Mitgliederversammlung gegangen. Und beim gemütlichen Teil saß ich neben der Frau, die ich schon früher attraktiv fand und von der ich erfahren habe, dass sie sich getrennt hat, sie hat zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen im Alter meiner Kinder, die kennen sich aus der Schule.“

Er erzählte weiter vom Verlauf und den Treffen mit ihr in der letzten Woche. Wir vereinbarten einen Termin in vier Wochen, obwohl er meinte, dass er ihn nicht mehr benötigen würde. Bei diesem Gesprächstermin erfuhr ich dann, dass beide vorhätten, zusammenzuziehen und dass er wieder arbeitsfähig und frohgemut sei. Wir verabredeten zur Stabilisierung Termine in größeren Abständen. Was war passiert?

Verhaltensänderungen beim Menschen sind oft schwierig, langfristig und manchmal erfolglos. Kann eine Begegnung so gestaltet werden, dass es einen Menschen „wie ein Blitz“ trifft? Dass ihm „ein Licht aufgeht“? Ein gestalteter Überraschungseffekt, so zeigt die neurophysiologische Forschung, hilft dem Gehirn auf die Sprünge und lässt es lernen.


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