Geduld

Da saßen wir beide, Stuhl an Stuhl, der Mediziner, Ende Sechzig und ich. Das Handtuch fest zusammengerollt auf unseren Knien, den Behandlungsplan in den Händen und warteten… und warteten…

„Eine der schwierigsten Aufgaben in so einer ambulanten REHA“, sagte der Graugelockte mit vitalen blauen Augen zu mir, „ist das Warten, das es endlich weitergeht.“ Seine Ungeduld war ihm unschwer anzumerken. In wenigen Wochen wollte er wieder Skifahren gehen, deshalb war er überhaupt da- aber hier, in der Einrichtung ging ihm alles viel zu langsam.

Die freundlich Physiotherapeutin, die mich kurze Zeit später mit mehr oder weniger sanften Griffen behandelte, litt unter der Fließbandbehandlung zu der sie durch den Ablauf in der Rehaeinrichtung gezwungen war.

Am nächsten Morgen saßen wir wieder vereint Stuhl an Stuhl, mit zusammengerolltem Handtuch auf den Knien…

„Nun, wie geht es ihnen denn heute?“, fragte ich. „Gut, gut – es geht hier nur alles viel zu langsam voran,“ reagierte er mit versuchter Gelassenheit.

„Na ja, die Mitarbeiter hier sehen das ganz anders“, gab ich zurück. „Denen macht der Wecker Stress, alle 25 Minuten einen anderen behandeln, ich denke, dass ist ziemlich anstrengend.“

„Ach was, das geht alles schon und außerdem kann man die Behandlungen besser planen, dass es nicht zwischendurch so viele Pausen gibt, mit denen ich nichts anfangen kann“, antwortete er angefressen. Ich hatte mir ein dickes Buch mitgenommen, es handelt vom Stromausfall in Europa und entwickelte sich super spannend. Der Arzt, vermutlich des Lesens mächtig, trug nichts dergleichen in seiner Hand, geschweige denn, las er darin.

Es holt einen ja doch immer etwas ein, mich in diesem Fall meine psychologische Beratungstätigkeit. „Ja schauen Sie mal, vielleicht ist das ja beabsichtigt und wir sollen durch die Pausen Geduld lernen, das ist doch auch etwas – oder?“  schlug ich ihm vor.

„Pah“ schnaubte er etwas verächtlich. Na dann nicht, dachte ich bei mir.

Nächster Tag, gleiches Spiel: wir saßen wieder vereint Stuhl an Stuhl, mit zusammengerolltem Handtuch auf den Knien…

„Das dauert aber heute wieder“, eröffnete er unsere Partie.  „Na ja“ meinte ich und eröffnete meinen Zug, „aber sie kennen doch jetzt den therapeutischen Wert der Pause in der REHAeinrichtung.“ Verwundert sah er mich an. „Geduld lernen“ wiederholte ich. „Richtig, da war ja noch was,“ entgegnete er humorvoll und gleich wurde er zur Behandlung abgeholt.


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