Gran Canaria


Meine Arbeit als Touristenseelsorgerin auf Gran Canaria. Ein Erfahrungsbericht:


Ankunft und Beginn der Arbeit auf Gran Canaria

Vor zwei Tagen sind wir auf Gran Canaria gelandet. Mein Mann und ich werden dort drei Monate lang zuständig sein für deutsche Touristen und Residenten auf der Insel. Ich arbeite im Auftrag der Evangelischen Kirche Deutschlands dort als Touristenseelsorgerin.

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Ein erster Dienst war das Halten des Gottesdienstes am 3. April um 19 Uhr im Templo Ecumenico. Und an dieser Stelle beginnen die Besonderheiten. Der Templo Ecumenico steht in einer Einkaufsmeile in Standnähe, seine Bauweise ähnelt einer Muschel, und er zieht die Blicke der Touristen auf sich. Am angebrachten Schaukasten können Informationen über die Angebote der Evangelischen Kirche auf Gran Canaria entnommen werden.

Diese imposante Kirche auf Gran Canaria Süd, der Templo Ecumenico, ist als ein Mittelpunkt der gesamten konfessionellen Arbeit hervorzuheben. In ihm werden Gottesdienste unterschiedlicher Konfessionen und Sprachen gefeiert. Dänen, Schweden, Niederländer, die deutsche katholische und die spanische katholische Gemeinde laden in dieses Gebäude ein. Das Gebäude gehört der spanischen katholischen Gemeinde, und zwei Nonnen kümmern sich um alles, was den Templo betrifft.

Schwester Floridalmo begrüßte uns mit großem Interesse und mit Neugier. Genannt werden die beiden Nonnen von den deutschen Insidern: die kleinen Schwestern. Denn wie der Spitzname schon sagt sind sie nicht sehr groß gewachsen. Die sonntäglichen Gottesdienste sind in der Saison (Oktober bis April) sehr gut besucht. Sie finden im Stundentakt statt. Im Anschluss an den Gottesdienst lädt das Tourismuspfarramt der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Beispiel in einem Nebenraum zum Kirchencafé ein.

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Einen Gottesdienst mit Abendmahl muss man in 50 Minuten „abgespielt“ haben, da vorher die Schweden und nachher die spanischen Katholiken ihre Gottesdienste halten: im 50-Minuten-Takt mit Rein- und Rausgehen! Eine Herausforderung dann, wenn man nicht durch den Gottesdienst hetzen will und Ruhe und meditatives Erleben gestalten will. Die kleinen Schwestern, die Wächterinnen des Tempels, kennen nämlich keine Gnade: Sollte der evangelische Gottesdienst überziehen, stürmen sie die Kirche und tragen das Marienbild hinein, denn nach dem evangelischen Gottesdienst findet die katholische Messe statt.

Allerdings bietet der lichtdurchflutete Kirchenraum ein umwerfendes Ambiente für Gottesdienst oder Messe. Ein Gottesdienstteilnehmer meinte: „Das ist ein Wohlfühlort!“ An meinem ersten Gottesdienst nahmen, obwohl die Saison für viele, die auf Gran Canaria überwintern, schon vorbei war, etwa 100 Personen teil.


Flugerfahrung und Eingewöhnung

Als wir von Hamburg nach Las Palmas aufbrachen, mussten wir uns um eine gute Flugverbindung kümmern. Den fünfstündigen Flug nach Gran Canaria buchten wir nicht auf Ryanair oder Air Berlin, wir nahmen die Fluggesellschaft Condor in der Hoffnung auf etwas Komfort und einen warmen Mittagssnack. Weit gefehlt! Die Sitzbequemlichkeit war mitnichten besser als bei den anderen genannten Fluglinien. Mittagessen, wenn man Curry-Wurst als dies bezeichnen will, wurde kostenpflichtig angeboten. Der im Flugpreis enthaltene Mittagsimbiss war eine handtellergroße, immerhin herzförmige Waffel. Gereicht wurden Wasser und Tee oder Kaffee. Selbst der obligatorische Tomatensaft musste bezahlt werden.

Von Glück kann man sagen, dass man bei den Bordtoiletten keine Münzen einwerfen musste, das wäre sicher als Vorschlag für Geldakquise der Fluglinie zu machen, da ließ sich sicher einiges rausholen! Die Flugbegleiterin, die mit uns über das Mikrophon sprach, redete vom Flugzeug als „Fluggerät“ und das immer und immer wieder.

Die Urlaubsseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland geschieht zurzeit in elf europäischen Ländern an 79 Orten. Den Schwerpunkt bildet mit mehr als der Hälfte der Orte Österreich. Der derzeitige Gesamtbedarf an Einsatztagen kann zurzeit nur mit knapp 60 Prozent abgedeckt werden. Pro Jahr sind um die 120 Pfarrer und Pfarrerinnen in der Regel für zwei bis drei Wochen im Einsatz. Unabhängig von den Pfarrern, die hauptamtlich für sechs Jahre ins Ausland entsendet werden.

Auf Gran Canaria leben zeitweise 18.000 Deutsche, das merkt man unter anderen daran, dass es in den Geschäftszentren „deutschelt“, es gibt deutsche Cafés, Metzgereien, Ärzte und so weiter. Die ersten Begegnungen mit Reisenden im Rahmen der Arbeit in der Tourismusseelsorge haben gezeigt, dass die Erwartungen an Kirche auf Reisen und in Tourismusgebieten geprägt sind durch die verschiedenen Lebenssituationen und -alter der Reisenden. Und sie sind damit oft vielfältig oder unklar. Zum einen handelt es sich um Urlauber im klassischen Sinn, zum anderen um Reisegruppen, die Kirchengebäude im Ausland bei Gelegenheit aufsuchen, nach emotional Berührendem im Fremden suchen.

Daneben gibt es die Gruppe der Semiresidenten, das heißt der Deutschen bestimmten Alters (überwiegend Ruheständler), die im Winterhalbjahr Deutschland verlassen, um für mehrere Wochen bis Monate im Ausland zu leben. Diese Zielgruppe ist in ihrem Verhalten sehr heterogen nicht nur in Bezug auf die Aufenthaltsdauer, sondern auch in Bezug auf ihre Bindung an die Gemeinde. Ein Großteil konsumiert die kirchlichen Angebote. Ein geringerer Teil engagiert sich aktiv. Diese „Zugvögel“ leben in zwei Lebenswelten, suchen ein Angebot, verlässliche Strukturen, soziale Netzwerke, Beheimatung, Begegnung und Geselligkeit.

Die Gruppe der Semiresidenten ist ein Spezifikum in der Auslandstourismusarbeit, die es in dieser Form und quantitativ hohen Zahl im Tourismus in Deutschland nicht gibt. Die vor Ort dauernd lebenden Residenten sind in ihrem Verhalten und ihren Motiven denen der Semiresidenten sehr ähnlich. Diese Gemeinde auf Zeit ist geprägt durch saisonale Zeiten, wechselnde Zielgruppen, oft fehlende kontinuierliche Mitarbeit und geleitet von dem Bild der Gemeinde als Oase. Die gastfreundliche Gemeinde steht an den Wegen der Menschen, offen und einladend mit dem Gottesdienst als zentralem Geschehen.

Das Touristenpfarramt bietet Wanderungen und Ausflüge an, über die ich demnächst berichten werde. Das Foto zeigt einen Blick in die Berge, eines der nächsten Ausflugsziele mit der Gemeinde.


Deutsche sein auf Gran Canaria

Es ist gut, wenn man jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der zum Beispiel Wasserschäden oder anderes reparieren kann. Wenn neue Taufurkunden herangeschafft werden müssen, geht das nicht über den üblichen Weg: Beim Verlag per online Bestellung anfordern und mit der Post schicken lassen – denn es gibt Paket- oder Briefzustellung, Correos, die Post, aber, ob sie kommt, das ist die große Frage.

Also, für den nächsten Aufenthalt in Deutschland wird notiert, dass die Urkunden bestellt werden und an eine Adresse in Deutschland geliefert werden, von der sie dann im Koffer nach Gran Canaria mitgenommen werden können. Auf einer Insel zu leben und zu arbeiten hat eben seine Besonderheiten! Aber letztendlich wird dann mit Erfindungsgabe und mit Hilfe von Netzwerken alles herbeigeschafft oder in Ordnung gebracht.

Rast auf einer Wanderung

Hier in Maspalomas, dem deutschen Urlaubergebiet, bleibt kein Wunsch offen. Es gibt den deutschen Bäcker seit 100 Jahren (!) und den deutschen Metzger, mit den obligatorischen Weißwürstchen und der Nürnberger Rostbratwurst, und natürlich den deutschen Frisör. Dieser nun wiederum ist ein in der Karibik geborener spanischer Muttersprachler. Da seine Mutter Pfälzerin war, kam er mit sieben Jahren in die Pfalz, in die Nähe von Kaiserslautern, wo er seine Schulzeit und die Jugendjahre verbrachte. Im Warmen und auf einer Insel geboren, litt er unter den kalten Wintern, und es zog ihn wieder weg von der Pfalz, und er landete als deutscher Frisör spanischer Sprache auf Gran Canaria.

Eigentlich sollte es ab April auf den Kanaren touristisch ruhiger werden. Dies ist aber nicht der Fall. Alle Hotels sind bis zum letzten Platz belegt. Auf Nachfrage erklärte man uns, dass es diese angebliche „Saure-Gurken-Zeit“ von April bis Ende Juni nicht mehr gibt. Die Inseln sind so gefragt wie nie, seitdem sich das Reisen nach Marokko, in die Türkei und Ägypten als gefährlich herausgestellt hat. Heute Abend wird im Gemeindezentrum gegrillt, gemütliches Beisammensein ist angesagt.

Was bietet die Touristengemeinde den Semiresidenten, die wie Zugvögel der Sonne nachziehen und sich an dieser Zusammenkunft von den anderen bis zum Herbst nach Deutschland verabschieden? Sie bietet ein Stück Heimat, Verortung und noch etwas sehr Wichtiges: Sie gibt vielen das Gefühl „gebraucht“ zu werden, denn nur durch sie ist zum Beispiel die Kontinuität der Gottesdienste, der Wanderungen und der Gesprächstreffen möglich. Jeder wird gebraucht, hat seine Aufgabe und nimmt sie in der Regel mit Freude wahr.


Globales kirchliches (Er-)Leben

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Es ist erstaunlich, wie das kirchliche Angebot beispielsweise von Wanderungen auch von Kurzurlaubern angenommen wird. Sie informieren sich im Vorfeld per Webauftritt der Evangelischen Kirche in Gran Canaria über das Angebot, das sie erwartet. Gerade die Menschen, die zwei oder drei Wochen Urlaub machen, sollen ja durch das Tourismuspfarramt auch erreicht werden. Denn eine gute Begegnung mit Kirche in der freien Zeit, kann Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Kirche im Alltag haben.

Die Begegnungen während der Wanderungen oder Ausflüge mit den Pfarrern sind Seelsorgegelegenheiten par excellence: Die Natur öffnet das Herz, wie von selbst ergibt sich beim Nebeneinandergehen die Möglichkeit, das offene Ohr der Pfarrerin zu finden. Zweimal pro Woche werden diese Ausflüge vom Tourismuspfarramt Süd seit vielen Jahren angeboten.

Gleichzeitig sollte das Mit-Erleben von Gemeinde über die Wahrnehmung der Webseiten nicht unterschätzt werden. Eine kontinuierliche Nähe zur Gemeinde und eine Art „Mitleben“ entstehen dadurch, auch wenn Menschen nur wenige Wochen im Jahr am Urlaubsort sind. Ich traf einen allein reisenden Mann mittleren Alters auf einer von der Tourismusgemeinde angebotenen Wanderung. Von ihm erfuhr ich, dass er regelmäßig auf Gran Canaria Urlaub macht, in der Regel zwei bis drei Wochen dort bleibt und das Wanderangebot der Kirche wahrnimmt, ohne andere Angebote wie auch Gottesdienst anzunehmen. Für ihn war seine Teilnahme eine gute und wichtige Tradition. Bevor er die Reise antrat, informierte er sich über das Internet, den Webauftritt der Kirche von Gran Canaria Süd, über die geplanten Wanderungen.

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Andere allein Mitwandernde nahmen diese Veranstaltung an, weil der Partner nicht mitwandern wollte oder krank im Bett lag und sie sich im „Schoß“ des kirchlichen Angebots wohl fühlten. Eine Touristin berichtete mir, dass sie die Insel seit über 20 Jahren kennen würde, denn ihre Tante hatte einmal eine Wohnung dort. Sie war mit ihrem Mann auch schon etwas länger, also über einen Monat in Urlaub auf Gran Canaria. Zurzeit kamen sie zweimal im Jahr vier Wochen. Sie sei Kirchgängerin und gehe in jeden Gottesdienst, erzählte sie mir, bei den anderen Sachen, die von der Kirche angeboten würden und die sie besuchen könnte, würde sie nicht mitmachen. Das kirchliche Leben der Gemeinde auf Gran Canaria Süd würde sie intensiv über die Webseiten verfolgen. Schließlich, so meinte sie, sei die Insel „ja so etwas wie ihre zweite Heimat“.


Saure Gurken Zeit

Eigentlich sollte es um diese Zeit auf Gran Canaria ruhiger werden. Die Semiresidenten, also diejenigen, die ein halbes Jahr auf der Insel überwintern, ziehen zurück nach Deutschland. Außerdem sind zurzeit keine Ferien in Deutschland. Erstaunlicherweise sind aber die Hotels noch gut ausgelastet, und Unmengen von Menschen tummeln sich am Strand. Es war spannend diese Woche: Wie viele Menschen werden an der vom Tourismuspfarramt angebotenen Wanderung teilnehmen? Mein Mann und ich hatten unterschiedliche Erwartungen, er hoffte auf 15 Teilnehmende, ich erwartete 10 Personen. Wir hatten einen kleinen Bus mit 25 Plätzen bestellt. Die geringere Teilnehmerzahl ermöglichte uns, mit einem kleinen Bus zu fahren und andere Routen anzubieten. Denn einige Strecken, die zu Wanderplätzen führen, sind für große Busse gesperrt.

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Also los ging die Fahrt. Es werden etwa 14 Hotels angefahren, denn dort haben Interessierte die Möglichkeit zu zusteigen. Eine Anmeldung ist nicht nötig. An den ersten neun Haltestellen stieg niemand ein und wir warteten gespannt darauf, wie das wohl weitergehen würde. Dann kam es: An den nächsten vier „Parados“ stiegen insgesamt 24 Menschen ein! Eine Haltestelle war noch anzufahren. Wenn da drei Personen stehen würden, was sollten wir machen, ein Platz war im Bus noch frei? Es traf sich gut, dass am letzten Kreisel niemand stand. Wir waren erleichtert und der Bus nahm Fahrt in die Berge auf.

Die Gespräche auf der Wanderung zeigen, dass sich das Reiseverhalten geändert hat, was die hohe Teilnehmerzahl erklärt. Ein Ehepaar erzählte, dass sie von April bis Juni auf Gran Canaria seien, da sie beide unter schweren Allergien litten, und auf die Weise dem Leiden unter der Krankheit entgingen. Eine Frau meinte, dass sie nun zum ersten Mal den ganzen Sommer über auf der Insel sei – sonst war sie ein paar Monate im Winter da. Sie blieb im Sommer, da sie im Winter kein Apartment zum Mieten gefunden hatte. Offensichtlich hat sich das Urlaubsverhalten etwas geändert, was uns schöne Wanderungen mit vielen Personen und gut besuchte Gottesdienstbesuche beschert.


Überraschung: Das Wanderangebot des Tourismuspfarramts findet sich im Reiseführer 

Es gibt Unmengen von Reiseführern über die Kanarischen Inseln. Der gängigste über Gran Canaria ist von Marco Polo und der ausführlichere aus dem Müller-Verlag. Im Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag kann man unter Rubrik: Wandern im Süden von Gran Canaria, Folgendes lesen:

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„Mehrere Veranstalter, auch die evangelische Gemeinde organisieren Wandertouren. Sie dauern zwischen 3:30 und 5 Std. (reine Gehzeit). Veranstalter: Evangelisches Touristenpfarramt, zumindest saisonweise geht es jeden Dienstag los. Die Ganztagesbustouren enthalten erfahrungsgemäß eine Wanderung. Treffpunkt und Kosten entnehmen sie bitte dem aktuellen Programm, www.kirche-grancanaria.de.

Leider stimmt die angegebene Web-Adresse nicht mehr, sie lautet: www.kirche-gc.de. Ich finde es sehr beachtenswert, dass das Angebot unseres Tourismuspfarramtes auf Gran Canaria in einem Handbuch erwähnt wird!

Beide Reiseführer geben einen Einblick in die Schönheiten der Insel, und so geschieht es, dass ein typisch kanarisches Dorf, an einem Felsenhang gebaut, Berühmtheit erlangte. In den Reiseführern wird das Örtchen als sehr sehenswert gepriesen: Wenn man durch seine Gässchen gehe, bekomme man einen unvergesslichen Eindruck davon, wie kanarisches Bauen und Leben sich gestaltet hat und heute noch gestaltet. Kein Bus mache hier auf der Fahrt durch den Ort Halt, gastronomisch sei es auch eher nicht erschlossen, so heißt es in den Informationen.

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Aber inzwischen sieht es Dank Reiseführer doch etwas anders aus. Zwei große gepflegte Gaststätten mit an den Tourismus angepassten Preisen stehen dem Suchenden zu Auswahl. Einige Schilder, an Höfen angebracht, verweisen darauf, dass man nicht weitergehen sollte, da „privado“. Das zeigt, dass inzwischen etliche Touristen im Dorf unterwegs sind.

Die Bäckerei hält für die Touristen noch leckeres Mandelgebäck und Kokosmakronen vor, der alte Backofen darf fotografiert werden. Ansonsten gibt es nur noch „bolo“, Brötchen, weitere Backtätigkeiten finden nicht mehr statt.


Vorbereitung auf Gaypride

Maspalomas bereitet sich auf Europas größte Schwulen- und Lesbenparade vor: Gaypride. Eine Woche geht es rund, bis der bunte Zug die Hauptstraße am Samstag, den 14. Mai, beleben wird. Überall ist Party angesagt. Von den Lesben ist bisher nicht viel zu sehen, aber hier am Playa del Ingles ist der Anteil von händchenhaltenden Heteros und Schwulen schon fast bei 50:50. Spezielle Hotel- oder Bungalowanlagen für Schwule erkennt man meist an übermannshoher und undurchsichtiger Einzäunung. Daneben ist in diesen Wochen auch noch die Regenbogenfahne gehisst.

Das kirchliche und touristische Angebot des Tourismuspfarramts geht unvermindert weiter, schön ist es zu sehen, dass bei den Veranstaltungen die sexuelle Orientierung keine Rolle spielt. Alle sind Willkommen und ein gutes Miteinander ist möglich.

Die Wanderungsangebote in die Berge werden, solange es nicht zu heiß wird, gerne angenommen. Viele Kurzreisende nehmen daran teil. Unterwegs wird dann ein Wort zum Dienstag oder Donnerstag angeboten.


Nach der Parade ist vor der Parade

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Die „loveparade“, „gaypride“ ist vorbei, nach der Parade ist vor der Parade, groß ist die „winterpride“ im November plakatiert. Das Leben auf Gran Canaria geht wieder etwas gemächlicher weiter. Die schwedischen und norwegischen Kirchen sind schon „abgezogen“, es finden in diesen Sprachen keine Gottesdienste mehr statt. Das kirchliche Leben beginnt erneut erst wieder im Oktober. Das Angebot der Evangelischen Kirche besteht weiter und wird auch noch genutzt, von geschätzt etwa 35 Gottesdienstteilnehmern. Im Winter sind es hier Hunderte, aber so manche Dorfkirche bringt es nicht auf 35 Teilnehmer. Auch die Dienstagswanderung wird noch angenommen.

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Vieles kann und darf überlegt werden. Ist es eventuell sinnvoll und möglich, von kirchlicher Seite etwas zur „gaypride“ anzubieten, einen Gottesdienst mit den Menschen vorzubereiten und anzubieten, die an der Parade mitarbeiten? In den letzten Jahren gibt es immer mehr gruppenspezifische Gottesdienstangebote, zum Beispiel Schausteller- oder Motorradfahrergottesdienste. Vieles ist eine Frage danach, was an „man-„ oder „womanpower“ im kirchlichen Kontext vorhanden ist. Alleine das Erhalten des ständigen und vorhandenen Angebots bedarf einer ganzen und einer halben Stelle.

Möglichkeiten erkennen ist eine Sache, sie gezielt auszuprobieren, vorzubereiten und durchzuführen eine zweite. Die derzeitige Arbeit ist an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort ausgerichtet, sie ist wichtig und unerlässlich und der Phantasie, was noch alles möglich sein könnte, sind keine Grenzen gesetzt.


Abstecher nach Lanzarote

Es wird heiß auf Gran Canaria, viele Geschäfte und Restaurationsbetriebe machen zu. Vollständig. Die Bargeschäfte allerdings nicht, die haben Hochkonjunktur. Überall wird gehämmert und geklopft, umgebaut und renoviert. Das hat seinen Grund darin, dass nur in den Sommermonaten umgebaut werden darf, weil sonst der Lärm die Touristen stören könnte – eine kluge gesetzliche Anordnung aus Sicht von uns Sommerbewohnern der Insel. Auch wenn die Semiresidenten nun alle weg sind und die Deutschen, die vollständig nach Gran Canaria übergesiedelt sind, oft auch „Heimaturlaub“ machen und wieder in Deutschland sind, so waren trotzdem ungefähr 30 Touristen am Sonntag im Gottesdienst. Es gibt sie also auch im Frühsommer auf Gran Canaria – die deutschen “touris“ – zugegeben etwas vereinzelter. Ende Juni endet das Gottesdienstangebot. Dann sind für die Kollegen in den Touristenpfarrämtern Heimaturlaub und Fortbildung sowie Konferenzen angesagt.

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Wir hatten die Möglichkeit die Tourismusarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland auf Lanzarote kennen zu lernen. Dort findet der Gottesdienst am Samstagabend und Sonntagmittag an zwei Orten der Insel in katholischen Kirchen statt. Die Leistung, die vor dem Gottesdienst zu erbringen ist, ist nicht zu unterschätzen: Blumenschmuck, Kerzen, Gesangbücher und so weiter, alles wird vom Pfarrer mitgebracht und aufgebaut. Danach kann erst die gottesdienstliche Feier beginnen. Auch um die musikalische Seite der Gottesdienstgestaltung muss sich immer neu gekümmert werden, sollte niemand da sein, der ein Instrument spielt, wird die Begleitung der Lieder über eine CD mit Orgelmusik erreicht.

Ein Blick in den Pfarrgarten in Puerto del Carmen.

Insgesamt sind in Lanzarote weniger Touristen und eben auch weniger Deutsche, dass die Anzahl der Teilnehmer an den Angeboten der Kirche geringer ist. Allerdings wird zum Beispiel der Gesprächskreis noch bis Ende Juni aufrechterhalten, der in Gran Canaria schon Anfang Mai beendet wurde, da noch Interessenten vorhanden waren. Auf den ersten Eindruck erscheinen die Semiresidenten andere Gründe zum Aufenthalt auf Lanzarote als auf Gran Canaria zu bewegen. Nach Gran Canaria verschlägt es viele aus gesundheitlichen Gründen. Wir haben von etlichen gehört, dass, wenn sie sich nicht auf dieser aufhalten würden, sie bettlägerig oder an den Rollstuhl gefesselt wären.


Auch wenn man des Spansichen nicht so mächtig ist 

Auch wenn man des Spanischen nicht so mächtig ist, dass man alles lesen kann, sind die Dörfer und Orte, die man besucht, sprechender Natur. In einem Ort in den Bergen Gran Canarias, Santa Brigida wurden wir mit an Fenstersimsen und Straßen festgetackerten Schuhen zu einer Ausstellung geleitet, die ähnlich angelegt war wie unsere Gartenschauen.  Dörfer und Städte sind herausgeputzt, sie begegnen uns sozusagen jeden Tag im „Sonntagsstaat“.

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Skulpturen zieren jede Gemeinde. Sei es, dass Fischer in den Stranddörfern verewigt sind, sei es das Schmiedehandwerk, das im Bergdorf darauf hindeutet, dass hier die Schmiedezunft zuhause war. In Santa Brigida war es wohl die Turnerjugend, die den Ort bekannt machte.

Bewundernswert ist das Traditionsbewusstsein, dass sich in den Darstellungen zeigt. Auch die Dörflein in den Bergen künden von ihrer Vergangenheit voll Stolz, sind aber gleichzeitig aufgeschlossen. Das zeigt sich daran, dass kleine Konditoreien auf Schwulen- und Lesbenhochzeiten vorbereitet sind.


Warum Flohmärkte wichtig sind…

Auf einer Insel zu leben, bedeutet, dass es nicht immer selbstverständlich ist, bestimmte Dinge, wie Ersatzteile und ähnliches, zu erhalten. Unter anderem deshalb gibt es Flohmärkte. Irgendetwas braucht Irgendwer immer!

Peter Cornelius sang 1981: “Ich bin reif für die Insel“

Wenn i so überleg, worum‘s im Leben geht,
dann sicher net um des wofür i leb
’.
I arbeit‘s ganze Jahr lang, schön brav für‘s Finanzamt,
i frag mi ob des ewig so weitergeht.
I bin reif, reif, reif, reif für die Insel.
I bin reif, reif, reif überreif.

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Eine romantisierte Vorstellung von Inseln schlägt mir da entgegen, und Cornelius besingt eigentlich das Aussteigen mit dem Sinnbild Insel. Denn auch auf den spanischen Inseln regiert das Finanzamt. Und das Leben sieht auf den ersten Blick nicht sehr viel anders aus als in Deutschland. Und die, sich in Deutschland hartnäckig haltenden, Vorurteile über Spanier sind längst überholt. An jedem Zebrastreifen halten die Autofahrer an! Disziplinierter als ich das so manches Mal in Deutschland erlebt habe. Ausgeparkt wird nicht mit vorne und hinten anstoßen, nein! Besonders elegant wird das Auto aus der kleinsten Parklücke herausgelenkt. Verbeult sind die Autos der Spanier nicht. Auch Pünktlichkeit ist ähnlich verbreitet wie in meinem Heimatland. Allerdings muss man sagen, dass die Strafen für Fehlverhalten im Straßenverkehr drastisch sind: Falsches Parken kann bis zu hundert Euro kosten. Ein Urlauber parkte vor dem Casino ohne Parkschein. Er erhielt ein „Knöllchen“. Da er sich aber länger in dem Etablissement aufhielt, kam die Ordnungspolizei ein zweites Mal vorbei: Und das bedeutete 100 Euro.

Wenn die Jugendfußballclubs sich in Turnieren messen wollen, dann ist ‑ wie bei uns das Busfahren ‑ das Fliegen auf das Festland oder die Nachbarinsel selbstverständlich. Urlaubstechnisch gesehen gehört die Insel jetzt den Festlandspaniern, oft sind die Frauen und Kinder in der Woche da und die Männer kommen am Wochenende nach.


Ein Résumé

Nach drei Monaten kennt man sich auf Gran Canaria aus, ist eingelebt. Und wir haben viel bewältigt: unsere Spanischsprachkenntnisse erweitert, die Kreisverkehre lieben gelernt und vieles mehr. Allerdings ist mir nicht gleich klar geworden, dass man genau aufpassen muss, in welchen Briefkasten man seine Postkarte wirft. Nachdem die erste Ladung nicht ankam, war ein genaueres Betrachten der Postverhältnisse nötig. Also: Es gibt wohl zwei, wenn nicht sogar drei Postbeförderer. Die Swisspost, die spanische Post und noch eine lokale Post. Wenn man eine Briefmarke von Swisspost kauft, darf man diese auch nur in die Swisspostkästen einwerfen: Na klar, simpel - wenn man es weiß!

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Wir haben die Gewohnheiten der Deutschen auf der Insel kennengelernt, die sich zur Tourismusgemeinde halten. So ein bisschen soll alles so wie zuhause in Deutschland sein. Diese Halbjahresresidenten haben auch in Deutschland untereinander Kontakt, obgleich sie landesweit verstreut wohnen. Sie telefonieren  und besuchen sich. Schön, dass sich in dieser Zeit auch viele Touristen ansprechen ließen, die nur eine oder ein paar Wochen hier in Urlaub waren. Schön war es, dass es auch Begegnung zu Menschen gab, die ein- oder mehrwöchige Urlaube verbrachten, und dass wir ihnen begegnen durften. Dies geschah über die Gottesdienste und die Wanderungen. Sie wollen Berührung mit Glauben spüren und sie wollen das Gefühl haben, dass es Kirche für sie auch in den Ferien gibt.

Beeindruckend war für mich der Stolz der Einheimischen über das, was sie an Blühendem zustande bekommen. Besucht man botanische Gärten, bekommt man, wenn man will, gleich von einem der Gärtner den Park, die Bäume und die Blumen erklärt. Jedes Detail wird erläutert: Zum Beispiel gibt es Bäume, deren Früchte so etwas wie ganz harte Holzperlen produzieren, die die Einheimischen auf Ketten fädeln. Witzig ist, dass wenn man sie länger in Wasser legt, sie auch Schaum produzieren können, mit dem man waschen kann.

Gran Canaria, eine Insel voller Abwechslungen und Überraschungen: ach ja – uns hat gerade noch der heiße Wind, der Kalima erwischt.


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