Polen

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Eine Reise nach Polen

Unser Nachbarland Polen ist vielen Deutschen fremd. Wir kennen Vorurteile und wissen wenig. Ein Grund, sich vor Ort umzuschauen und im Kontakt mit Menschen zu lernen, unseren Horizont zu erweitern.


Endlich wieder Sommer! 

Es ist Sommer! Endlich wieder Sommer! Nichts kann ihn trüben außer den Themen, die in dieser Jahreszeit in aller Munde sind: „das Wetter“ und die Frage: „Wo fahren Sie denn hin?“. Wir fahren nach Polen. Das Stichwort Polen löst unterschiedliche Schlüsselreize aus.

„Ja, das soll es ja wieder sehr schön sein.“ – „Und dass die Polen klauen wie die Raben, hat sich das gebessert?“ –  „Passen Sie nur auf ihr Auto auf!“ –  „Der Pole an sich ist fleißig.“ – „Ich weiß auch nicht, woher das Sprichwort: polnische Wirtschaft kommt.“ – „Das sollen ja sehr nette Leute sein, und die Jugend zieht es sehr in dieses Land.“

Die unterschiedlichsten Vorstellungen werden in einem „Urlaubstalk“ abgerufen. Erst dann folgt in der Regel die Frage: „Wo genau fahren Sie denn dort hin?“

Für mich ist solch  ein Urlaubsgespräch das Sinnbild  vieler Austausche, wie sie zwischen uns passieren: Einer erzählt – der andere schnappt ein ihm  wichtiges Stichwort aus dem Gesagten heraus und assoziiert frei von der Leber weg alles, was ihm dazu einfällt und was er immer schon einmal sagen wollte.

Auf den anderen und seine Situation eingehen, nachfragen, erfolgt manchmal ganz zum Schluss, wenn der andere sich schon zu Gehen gewendet hat, weil er ja jetzt alles über Polen weiß.

Ich werfe dir einen Brocken hin, du wirfst mir einen anderen vor die Füße, vielleicht wird an einem „Urlaubssmalltalk“ unsere Nichtkommunikation überdeutlich.


Polen wir kommen!

Sehr früh sind wir aufgestanden, um von Buxtehude aus unsere Fahrt nach  Polen zu beginnen, Gizycko, masurische Seenplatte ist unser Ziel, Hamburg wollten wir vor dem Berufsverkehr hinter uns gelassen haben. Frühstück sollte es irgendwo auf der Strecke, unterwegs geben. Als wir gegen 10 Uhr eine Raststätte auf dem Weg in Richtung Grenze bei Stettin suchen, sehen wir „alt“ aus. 400km vor der Grenze war  keine mehr zu finden, um tanken zu können müssen wir wenige Kilometer über Land fahren, um dies erledigen zu können.  Die Grenze nach Polen überquerten wir hungrig aber ohne Kontrollen. Die erste Station Stettin erwartete uns.


Erste Eindrücke…

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Szczecin, ehemals Stettin, blickt uns wie eine normale Großstadt mit über 400 000 Einwohnern an. Viele wunderschöne Fassaden sind schon restauriert, das imposante Herzogschloss ist gerade noch in Arbeit. Das schwer beschädigte Schloss der pommerschen Herzöge thront hoch über der Oder als Wahrzeichen der Stadt und repräsentiert den gelingenden Aufbau der Kulturgüter in Polen. Ein Reiseführer titelt: Renaissance in Zuckerguss-Optik. Weiter geht’s nach Slupsk (Stolp), dort werden wir in einem kleinen edel renoviertem Hotel, Villa Intryga übernachten.

Alles gut geplant, denn das Navi hilft uns nicht mehr, wir sind mit Karten ausgerüstet – ein ganz neues Gefühl, wenn man sich sonst immer auf das Navi verlässt. Und so kommt es wie es kommen muss, zweimal müssen wir an einerTankstelle fragen – aber mit ursprachlichen Erklärungen (Hände und Füßen) kommen wir wie geplant an und lernen in Slupsk den „Posterfinder“ kennen. Heinrich von Stephan wurde hier geboren, der 1874 den Weltpostverein gründete, den Fernsprecher und die Postkarte erfand. Juhu – wieder ein Stück Allgemeinbildung ergattert! Nicht genug, hier in Slupsk steht mit Buch in der Hand das Denkmal von Henryk Sienkiewicz, dem Nationalhelden, er ist der Verfasser von „Quo Vadis“. Nun uns zieht es weiter zum Ziel: Gizycko (Lötzen).


Begegnung mit der Kirche

Der Ort meines Wirkens in den nächsten Wochen ist die Evangelische Pfarrkirche von Gizycko (Lötzen). Eine 1826/27 nach den Plänen von Karl Friedrich Schinkel , dem großen Baumeister Preußens, errichtet Kirche. In den Sommermonaten wird sonntags ein deutschsprachiger Gottesdienst von der Evangelischen Kirche in Deutschland angeboten, sie ist Heimat der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde. Arm sind die Gemeinden, das ist das erste, was man erfährt, manchmal nicht in der Lage ihrem Pastor das Gehalt zu bezahlen. Am Sonntag ist nach dem Gottesdienst „Kirchenkaffee“. Der Kaffee, so wurde ich instruiert, wird aus Plastikbechern getrunken, die danach weggeschmissen werden, weil das Wasser zum Spülen teurer ist, als der Kauf der Becher.


polnisch-deutsche Verhältnisse

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Heute am Sonntag hielt ich den evangelischen Gottesdienst in deutscher Sprache in der Kirche von Gizyko. Es waren mehr Besucher als erwartet da, ca. 35. Eine katholische polnische Urlauberin, die des Deutschen mächtig war, einige aus der polnischen evangelischen Gemeinde, die mir gleich sagten, dass sie nicht zum Kirchenkaffee anschließend an den Gottesdienst kommen, da sie in den polnischen evangelischen anschließend gehen werden, eine deutsche Frau, die einen Bauernhof in der Gegend gekauft hat, ohne Polnisch zu sprechen, weil sie sich in das Land verliebt hat, und verstreute Urlauber aus Deutschland: buntes Gemisch. Die Diskussion beim Kirchenkaffee war ziemlich kontrovers: Wem gehört Polen nun, den Deutschen, den Polen? Brauchen wir einen evangelischen deutschen Gottesdienst? Oder geht es um die Kollekte?


Wolfsschanze

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Ab von der Zivilisation finden sich die Überbleibsel der legendären Bunkerstadt, die Hitler bis 1943 aus dem Boden stampfen ließ, ein zerstörter Bunker ragt nach dem anderen in den Himmel und erinnert an die Monumentalität der Anlage. Der Stützpunkt sollte bei der Einnahme Russlands dienlich sein – wie anders kam es doch! Eine Gedenktafel erinnert an den 20. Juli 1944, vor 70 Jahren wurde das gescheiterte Attentat von Stauffenberg und anderen verübt. Es waren einige, darunter auch einer von der Lehndorff-Familie (Heinrich), die sich Hitler widersetzen wollten und es mit dem eigenen Leben bezahlten. 1944 wurde die Anlage von den Deutschen verlassen und zum größten Teil auch von ihnen zerstört.

Was empfindet man in diesem Bunkerwald, der aus Wald und Bunkern besteht? Bei mir lösen die Bilder Schrecken und Angst aus, dass sich etwas ähnliches in anderer Art und Weise wiederholen könnte. Wiederum grotesk wirken die dünnen Birkenstämme auf mich, die die umfallenden Bunkerwände vor dem endgültigen Verfall retten sollen.


Kirchliche Verhältnisse

Das kirchliche Leben in Polen ist nicht einfach. Es gibt in Masuren einige evangelische Kirchen lutherischer Prägung. Und wer nun meint, „evangelisch“ müsste mit „deutsch“ gleichgesetzt werden, der irrt. Das ist den Evangelischen unter den Polnischen wichtig.  In der lutherischen evangelischen Kirche von Polen gibt es keine Frauenordination, in der reformierten Kirche von Polen allerdings sehr wohl,  ca. 4000 Gläubige werden in der reformierten Kirche von drei Pfarrern und einer Pfarrerin betreut. Ich predige in einer lutherischen Kirche, die die Frauenordination nicht kennt, das also geht auch – wieso auch immer. Eine junge Frau vertritt flächendeckend die lutherischen Pfarrer und hält munter Gottesdienste während den Urlaubszeiten – ohne theologisches Examen, ohne Ordination, ohne eine Ausbildung  zum Lektor oder Prädikantin zu haben. „Der Markt regelt das Geschäft“, so kann man es sehen, wenn es niemanden mehr gibt, der den Dienst versehen kann, dann ist alles erlaubt. Vielleicht ist diese Lösung ja gut protestantisch oder sogar urkirchlich.


Sozialistische Überbleibsel

In sozialistischen Zeiten versorgten die Milchbar-Kantinen viele Menschen mit günstigen Mahlzeiten.  Auch heute gibt es sie noch. Frisches Essen – auf einer Tafel hinter dem Tressen stehen die angebotenen Gerichte – kann man hier für wenig Geld erstehen.

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Die Bars sind auf die Einheimischen ausgerichtet, da steht keine englische oder deutsche Übersetzung hinter den angebotenen Speisen. Die Verständigung mit dem Personal ist nur über Polnisch, dessen wir nicht mächtig sind, machbar. Was jetzt? Dort Essen gehen oder nicht? Natürlich reizt es, da zu speisen, wo die einheimische Bevölkerung isst. Also, auf Überraschungen gefasst machen und den polnischen Sprachführer fest in der Hand, trauen wir uns hinein. Die Milchbar in Gizycko heißt „Omega“ und tritt modern möbliert in weißer und roter Farbe auf.“Pierogi“ – Teigtaschen, die mit den unterschiedlichsten Zutaten gefüllt sein können – und „Kloski“, meist Kartoffelklöße, erscheinen uns unverdächtig. Die Bestellung wird am Tresen abgesetzt, indem auf die gewünschten Gerichte mit dem Finger gezeigt wird. Wir erhalten eine Nummer, wenn das Gericht aus der Küche kommt, wird diese Nummer laut aufgerufen. Nur, wer versteht die? Also heißt es, in dieser sehr vollen Gaststätte einen Platz in der Nähe der Ausgabe zu ergattern und bei Bedarf das Nummernschild hoch zu heben und siehe da, wer sagt es denn: Unsere Speisen kommen und es ist annähernd das, was wir uns vorgestellt haben.

Das im Sozialismus gelernte Schlange-Stehen scheint in Polen nicht mehr sehr beliebt zu sein. Eines Morgens vor Lidl, denn es natürlich auch in Polen gibt, wie Marktkauf, Obi etc., entdecken wir so um die 150 Menschen, die traubenartig angeordnet auf die Öffnung des Ladens warten. Uns bleibt verborgen, was es heute Besonderes im Lidl gibt, aber es scheint es Wert zu sein, darauf zu warten, dass geöffnet wird. Und genau in diesem Augenblick stürmen alle in den Laden! Nichts mit Schlange-Stehen!


In der Decke stecken geblieben! 

Jesus ist bei der Himmelfahrt offenbar in der Decke steckengeblieben. 
Evangelische Kirche in Torquitten (Sorwity), Mauren.

Ein Kleinod unter den evangelischen Kirchen in Masuren ist die barocke Kirche in Sorquitten (Sorkwity), „unverumbaut“ seit 1754 hat sie Seltenheitswert. In sie hinein gelangt man, wenn man sich den Schüssel im Pastorat abholt, was wir auch prompt tun. Mäßig freundlich beäugt, erhalten wir von der, wie wir später erfahren, Pfarrersfrau den Schlüssel und traben dann uns selbst überlassen mit einem deutschsprachigen Faltblatt in der Hand in die Kirche.

Spannend, was sich da vor unseren Augen auftut. Als erstes nehme ich den von der Decke herabschwebenden Engel war, der bei Taufen mit der Taufschale ausgerüstet wird. Der Altar aus der Spätrenaissance zeigt in der Mitte die Kreuzigungsszene, deren Hintergrund das Schoß von Sorkwity, Bauern und Fischer in heimscher Tracht zeigt. Viel Sehenswertes: Patronatsloge, Beichtstuhl, die von einem Engel getragene Barockkanzel.

Für uns völlig überraschend und ungewöhnlich: die realistische Darstellung der Himmelfahrt Christi. Es sieht so aus, als sei er dabei in der Decke stecken geblieben, denn seine Füße und  die Unterschenkel sind noch in der Kirche. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen geht die Polenentdeckungstour weiter.


So allerlei

Als wir nach Buxtehude zogen, brauchte es eine Weile sich daran zu gewöhnen, dass die B 73, die von Cuxhaven  nach Hamburg führt, von Wohnmobilen  auf den Parkplätzen gesäumt waren und dass diese nicht wieder wegfuhren, weil dort Prostituierte ihre Dienste anboten. Zuerst wussten wir gar nicht, was diese zu bedeuten hatten. Nun, in Polen sind wir jetzt schon etwas schlauer. Mein Mann schreibt einem Freund, der uns besuchen kommt: „In Waldschneisen stehen häufig sehr knapp bekleidete Damen, ich gehe davon aus das die kein Geld für den Bus haben. Meine Frau meinte wir sollten trotzdem keine Fremden mitnehmen.“ Das älteste Gewerbe der Welt findet überall Platz.


Deutscher Tourismus in Masuren

Ja, wen trifft man denn so in der masurischen Gegend? Viele jüngere Polen, die Wassersport betreiben, als Wassersportler gibt’s auch etliche Deutsche. Dann wenige ältere noch, die ihre Spuren suchen. 1933 wurde eine Frau in der Kirche von Gizycko getauft, heute war sie mit einer Reisegruppe aus Garmisch Partenkirchen da und besuchte ihre Taufkirche. Vor vielen Jahren hatte sie ein Buntglasfenster, das die drei Chorfenster vervollständigte, gestiftet. Wir treffen Menschen, deren Eltern in dieser Gegend aufgewachsen sind und die wissen wollen, wie es hier ist. Wir erleben zunehmend „Pendler zwischen den Welten“, Menschen, die als Spätaussiedler (1971/76) mit den Eltern nach Deutschland kamen, und nun schon längere Zeit zurückgekommen sind und zwischen beiden Ländern hin- und herpendeln. Oft haben sie sich eine polnische Existenz aufgebaut und bewirtschaften in den Sommermonaten Pensionen. Das Thema polnisch-evangelisch- deutsch- evangelisch-Masuren-ist lange noch nicht ausgestanden. Das letzte evangelische Dorf war ursprünglich auch das Ende des masurischen Landes, heute werden aus touristischem Interesse, Landstriche kurz hinter Danzig schon mit  „Masuren“ bezeichnet, weil die Bezeichnung Besucher anlockt. Eine weiter Gruppe von Menschen, die wir treffen sind Lehrer, die aus geschichtlichen oder literarischen Vorlieben das Land bereisen.


Vergangene Kriege?

Heute gilt es Gottesdienst zu halten vor Menschen, von denen ich gestern einige getroffen habe. Das Gedenken an den Beginn des ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und des zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren  eint uns. Am 1.9.1939 wurde Polen von der Deutschen Wehrmacht auf Befehl Hitlers überfallen. Er verschleierte diesen Angriffskrieg als Verteidigungsmaßnahme. Wie sieht das heute aus? Die Handlungen in Russland oder in der Ukraine, sind sie nachvollziehbar oder die Handlungen zu durchschauen? Wird es uns 2014 und den folgenden Jahren gelingen, Furchtbares zu verhindern? Das sind Fragen, die im Gottesdient nicht weder annähernd noch abschließend geklärt werden können, aber sie werden Raum in der Predigt einnehmen. Das Thema „Macht“, das hinter vielen Angriffen auf Andere steckt und das Thema „Schuld“ , das jeden in kriegsähnlichen Situationen betrifft, leiten sich aus dem vorgeschlagenen Bibeltext her ( 2. Sam 12,1-10).


Traumland Masuren

Der Mythos „Masuren“ lebt und wir erleben ihn. Traumhaft: Wälder, Natur pur, hinter jeder Kurve ein See. Der eine so klein, dass wir ihn in einer Stunde umwandert haben, die anderen scheinbar unendlich groß. Segelboote schmücken die Seen. Das Wasser und die Luft sind rein und klar und man kann in ihnen baden.  Sonnenbestrahlt, mit leichtem Wind in den Haaren ergeben wir uns der Weite, die sich vor uns auf tut.  Offensichtlich haben wir anderes Wetter als es in Deutschland vorherrscht. Masuren ist hügelig, es geht immer ein klein wenig auf und ab – die abgeernteten Felder wellen sich dem Horizont entgegen.

Die Sonne braucht am Abend lange, bis sie „verschwindet“, scheinbar gefällt es ihr in Masuren auch jeden Tag aufs Neue so gut, dass es ihr schwer ist, unterzugehen. Dieses Abendlicht ist unfassbar schön, wirft lange Schatten auf Land und Leute,  und verzaubert jedes noch so graue Gebäude, dass es in etlichen Orten gibt.


Hundstag(e)

Siri ruht sich aus

Die Arbeitslosigkeit ist hoch in Polen, in den ländlichen Gebieten, in den Kolchosen,  manchmal bis zu 100%. Armut ist Tagesalltag. Insgesamt liegt die Arbeitslosenquote jetzt im Sommer bei 11%, im Frühjahr waren es über 13%.  Im pfarramtlichen Alltag sieht es nicht anders aus: Was würden  deutsche Pfarrerinnen und Pfarrer sagen, wenn sie seit April dieses Jahres kein Gehalt erhalten hätten,  so wie es vielen der evangelisch-polnischen Pastoren geht?

Die Familien, denen wir bis jetzt begegnet sind,  haben mindestens zwei Hunde. Trotzdem ist das Tierheim in der Nähe total überfüllt und während der Ferienzeit haben sie bis zu zwei Neuzugänge pro Tag. Daher gibt es nun in unserem Haushalt auch eine Hündin, namens „Suri“ , Erdmännchen, weil sie, obwohl größer von Gestalt, wie ein Erdmännchen hinter den Gittern stand.


Gegenläufige Entwicklungen

Sonnenuntergang von der ehemaligen Kolchosenschlachterei bei Gizcko aus gesehen.

Die Entwicklung im Bereich der Kolchosen zeigt Gewinner und Verlierer. Wie schon berichtet, die hohe Arbeitslosigkeit bei vielen auf der einen Seite, der Reichtum auf der anderen Seite. Ein Dorf weiter, neben Gizycko,  ist am See die ehemalige Schlachterei der Kolchose zu einem idyllischen Restaurant umgebaut worden, von dem man einen herrlichen Blick über den See mit zauberhaften Sonnenuntergängen hat. Der ehemalige Direktor war in der Lage Schlachterei und Ländereinen aufzukaufen. Interessante Entwicklung. Ein paar mehr Gäste wäre dem schönen Ort allerdings zu wünschen.

Ein bisschen weiter weg, ziemlich auf dem Land, durch Schotter- und Sandstraßen zu erreichen, liegt das Schloss Nakomiady (17. Jahrhundert). Das ist heute ein Hotel  in einer historischen Hotelkette, dort kann man edel übernachten. Nirgends ist ein Hinweisschild zu finden, dass es sich um ein Hotel handelt, was es laut Prospekt auch nicht ist: „Das  Schloss von Nakomiady ist kein Hotel. Es ist ein Haus der klassischen Schönheit.“ Dieses Schloss war Keramikmanufaktur, Lager, stand leer und wurde 1998 grundlegend renoviert und restauriert – da wurde richtig viel Geld in die Hand genommen und nun ist es auch für die gedacht, die Geld haben.

In Nebengebäuden ist der Manufakturbetrieb wieder aufgenommen worden, es werden handgearbeitete Kacheln und Keramiken für individuelle Kachelöfen hergestellt, offensichtlich eine einträgliche Marktlücke! Einige wenige ehemalige Mitarbeiterinnen der Kolchosenmanufaktur sind hier zu finden.


So ändern sich die Einschätzungen

„Hier fah‘ ich eh nicht noch Mal hin“, war einer meiner ersten Sätze, nachdem ich festgestellt hatte, wo wir in Polen gelandet waren, in einer wunderschönen Gegend zwar, aber „weit ab vom Schuss“; um irgendwo hinzukommen oder hinzufahren, müssen wir erst einmal 20 Kilometer bis zur nächst größeren Straße fahren – das ist nicht so mein Ding. Inzwischen planen wir den Urlaub für das nächste Jahr. Wo es hingeht? Natürlich nach Polen!!

Wir haben strahlenden Sonnenschein, hier reifen die Klaräpfel, eine alte, sehr frühe Sorte, die ich in Deutschland nicht mehr finde, hervorragend geeignet, um Apfeltarte zu backen, denn sie verdirbt schnell. Sie erinnern an das biblische Manna, das man auch nicht lagern konnte.

Noch eins ist mir so ganz persönlich aufgefallen: Kein Mensch, dem ich bisher in Polen die Hand gab, hatte einen, wie es inzwischen, so erlebe ich es,  in Deutschland zur Unsitte wird, „labberichen“  Händedruck, in Polen wird noch fest zugepackt.


Leben in Masuren

In einigen Gebieten stehen die ehemaligen deutschen Namen der Orte  unter den polnischen auf den Ortsschildern. Dort ist die deutsche Minderheit so stark im Gemeinderat vertreten, dass sie diese Beschilderung durchgesetzt habt. Wir haben „Gesinnungsautos“ gesehen: Seitlich waren sie mit der Ostpreußenkarte beklebt.

Ein Lehrer fragte die masurischen Kinder, als was sie sich fühlen, welche Identität sie spüren? Er hatte schon in anderen Gegenden unterrichtet und festgestellt, dass viele ein ausgeprägtes Regionalbewusstsein besitzen, wie zum Beispiel im ehemaligen Schlesien. Die Kinder in Masuren empfanden sich nicht als Masuren, sondern höchstens als Polen. „Die sind nicht mit der Erde verbunden, nicht geerdet“, war sein Kommentar dazu. „Na ja“, meinte ich, „ist schwierig bei dem vielen Wasser.“ Und vielleicht ist diese Antwort nicht nur lustig, sondern hat einen Wahrheitskern.

Die Grundnahrungsmittel sind günstig. Ein einfaches Brötchen kostet umgerechnet 5 Cent, ein Körnerbrötchen, das bei uns 60 Cent kostet, liegt hier bei 12 Cent. Täglich kann man einen kleinen Markt besuchen, auf dem die Bauern der Umgegend ihre Produkte anbieten.

Die Sommerhauptstadt Masurens, Gizycko, sieht dem Saisonende entgegen, viele Buden am Hafen sind geschlossen worden. Aber heute vor dem Wochenende werden noch einmal viele Stühle rausgestellt, in der Hoffnung auf Wochenendurlauber. Insider wissen, dass es im Herbst hier sehr schön, ruhig und idyllisch ist. Im Winter, wenn die Seen zugefroren sind, ist Eissegeln angesagt. Für die Menschen, die vom Tourismus leben, kann man nur hoffen, dass es ein strenger Winter wird.


Spannende Merkwürdigkeiten

Im Land der tausend Seen folgen wir einem Schild „zum Teich“.  Wir fragen uns, was mit diesem Schild wohl gemeint ist? Ein Biber aus Holz weist uns mit seiner Pfote den Weg, liebevoll gemacht. Nach sich durch den Wald schlängelnden Pfaden stehen wir vor einer kleinen originellen Holzhaussiedlung. Neugierig steigen wir aus und werden vom Besitzer freundlich empfangen und auf ein Gespräch in Deutsch eingeladen. Er, der Pole, hat in Deutschland gearbeitet, um wie er sagte seine Schulden zu bezahlen. Dafür ist er Deutschland dankbar. Eigentlich wollte er auf diesem urigen Grundstück an zwei Seen, Teiche anlegen, um Fischzucht zu betreiben, das hatte er sogar studiert. Irgendwie war ihm das aber nicht gelungen und so ging er nach Deutschland, Häuser abreißen, um sich das Holzferienhausidyll zu ermöglichen. Der deutsche Name „zum Teich“  sollte an sein Projekt erinnern. Diese Namensgebung gab in Polen Ärger. Eine Gästesiedlung sollte einen polnischen Namen haben, so wurde ihm mitgeteilt.  Er konterte auf charmante und witzige Art: „Wenn ihr „Cola“ in „Polalowski“ umtauft, dann nenne ich meine Anlage um.“ Und so weist der Biber weiterhin „zum Teich“.


Frontlinie Erster Weltkrieg

Ein wichtiger Sponsor der Ev. Kirche (er bezahlt die Strom-, Wasser- und Heizungskosten), der Gr0ßbauer Lange, er ist „bekennender“ Deutscher,  hat uns auf seinen Hof eingeladen. 160 ha Land, Pachtland, 60 Kühe, die mit der Hand gemolken werden, 30 Pferde, Hühner etc. Hunde und Katzen sind vertreten, das Langessche Hausschwein, das der Ernährung des Hofes und seiner Arbeiter dient, ist eine pikante Mischung aus Wild- und Hausschwein, vom Anschauen her ähnelt es mehr dem Wildschwein.

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Er feierte in diesem Jahr das 100 jährige Bestehen seines Hofes. 1914 hatte sein Großvater das Wohnhaus gebaut, ihm war kein langer Bestand gewährt. Denn die Frontlinie Russland gegen Deutschland verlief exakt auf seinem Grundstück und so blieb kein Stein auf dem anderen. Das jetzige Wohnhaus, das er bewohnt, stammt aus dem Jahr 1920. Seine Meinung zu den derzeitigen politischen Entwicklungen: „Wenn es die Nato nicht gäbe, wäre Putin schon in Berlin.“

Allen geschichtlichen Widrichkeiten zum Trotz ist es auf seinem Hof einfach nur traumhaft schön. Wir sitzen am Feuer und grillen Würstchen, vor uns grasen 20 Pferde, pflücken Äpfel von den Bäumen und traben auf das Lagerfeuer zu.  Und hast du nicht gesehen, schlupfen sie durch das Feuer durch, man könnte meinen, sie haben es auf die Würstchen abgesehen, zwei Würstchen gehen zu Boden,  und dann zurück zu der Apfelbaumplantage. Ein Schwarm Kraniche im Licht des Vollmonds, schwirrende Fledermäuse und die Fluglinie nach Russland über dem Anwesen runden das Naturerlebnis ab.

Am Ende bekommen wir 3 Kilo Falläpfel mit, aus denen ich heute Abend einen großen Topf Apfelmus gemacht habe. Äpfelessen gegen Putin auf andere Art.


Katholisches Polen – polnischer Katholizismus

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Wo in Nordpolen die Reisebusse auch am Montag stehen, ist in  Swieta Lipka (Heilige Linde). Diese Wallfahrtskirche ist eine der wichtigsten Orte der Marienverehrung in Polen. Viele Heilungs- und Rettungslegenden ranken sich um diesen Ort. Prächtig die barocke Kirche, gigantisch die Orgel mit ihrem verspielten Prospekt: Engel, die Glocken schwingen, Engel, die Laute spielen und ihrer Köpfe neigen.

Die katholische Kirche hat polnische Sprache und Kultur  während der russischen Zeit bewahrt, deshalb ist sie in Polen unhinterfragbar wichtig. In einem Reiseführer ist unter „Fettnäpfchen“ zu lesen: Diskutieren Sie am Besten nicht über die Kirche in Polen und lästern Sie auf keinen Fall, an dieser Stelle verstehen die Polen keinen Spaß. Es ist eben selbstverständlich, katholisch polnisch bzw. polnisch katholisch zu sein.

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Tragische Gestalt zwischen den Fronten

Die Nachwirkungen eines bedeutenden deutschen Schriftstellers mit weltweit vertriebenen Bestsellern mit Millionenauflage sind bescheiden: Was weiß man von Ernst Wiechert? Vielleicht hat die Verleihung des Ernst Wiechert Preises durch die 1989 gegründete Ernst Wiechert Gesellschaft jemand in den letzten Jahren zur Kenntnis genommen? Aus  den Schulbüchern ist er Ende der 40er Jahre verschwunden.

Er leistet als Lehrer und Schriftsteller durch Vorträge etc. Widerstand gegen das Regime Hitler, was ihm 2 Jahre Konzentrationslager Buchenwald eintrug. Er wurde aufgrund internationalen Drucks freigelassen und stand seit dem unter Aufsicht der Gestapo.

Forsthaus Kleinort, Geburtsort Ernst Wiechert.

Auf mich, der ich seiner Geschichte  unter aanderem am Geburtsort (1887), dem Forsthaus Kleinort (Pierslawek) hautnah begegne, hier ist ein kleines Museum eingerichtet, wirkt Wiechert  wie eine tragische Gestalt zwischen vielen Fronten. Er war Freiwilliger im ersten Weltkrieg. Offizier mit Auszeichnungen, und  so war er zuerst kein Gegner des neue Regimes, was sich aber schnell änderte. Er beschreibt das Lebensgefühl seiner Zeit treffend, daher wird er gelesen und gekauft. Romantisch anmutende Beschreibungen vom Land seiner Jugend und von seiner Kindheit auf dem Land begeistern zu seiner Zeit viele Menschen. Nach dem Krieg verlor sich das Interesse an seinen Büchern, er selbst ging in die Schweiz, weil das Land nicht mehr sein Deutschland war. Die Wiederauflage einzelner Bücher nach 2000 wurde  in Deutschland sehr kritisch rezensiert. Seine Art der Darstellung und Beschreibung seien nicht mehr  spannend. Vielleicht wird er aber noch einmal angesagt sein, wie viele andere Schriftsteller auch – mal sehen?

In Polen ist ihm dieses Schicksal nicht widerfahren, er ist dort fast ein „Nationalheld“, alle Bücher sind auf Polnisch zu erhalten, es gibt Ausstellungen über ihn nicht nur in seinem Geburtshaus. Übrigens auch die russische Seite würdigt ihn mit einer Ausstellung in Königsberg.

Sein persönliches Leben kann auch als tragisch beschrieben werden: Tod der Mutter durch Selbstmord, ebenso Tod der ersten Frau durch Suizid. Der Sohn aus dieser Ehe wurde einen Tag alt. Er selbst starb mit 63 Jahre an Krebs.


Sprichwörtliche Freundlichkeit?

Mein Reiseführer betont die sprichwörtliche Freundlichkeit der polnischen Bevölkerung, gerade Frauen gegenüber, das sollte man als Frau nicht missverstehen. Unsere Erfahrungen sehen ein wenig anders aus, wenn wir auf polnisch grüßen, ist es nicht selbstverständlich, dass zurück gegrüßt wird, bei Jugendlichen schon gar nicht – also ich mache dieselben Erfahrungen wie in Deutschland, nicht besser und nicht schlechter. Es liegt sicher auch daran, dass wir Touristen sind, denn wenn man sich in Polen kennt, gibt es zur Begrüßung drei (!) Küsschen auf die Wangen. Und es kann auch passieren, dass ein Professor aus einer Warteschlange in die andere wechselt, um der dort entdeckten Studentin einen Handkuss zu verpassen.


Nach der Saison… 

Äpfel sind gut für dei Bildung: "Polnische Äpfel fü polnische Bücher".

Die Saison geht zu Ende, wie in den ehemals sozialistischen Republiken schließt ein Restaurant nach dem anderen. „Masurische Suppe“, die gibt’s nicht mehr. Ein anderes Mal soll es eine Tasse Schokolade sein, die auch nicht mehr zu haben ist. Es ist wie ein „Abverkauf“, was da ist, wird noch raugegeben, alles andere ist nicht mehr zu haben. Das Leben auf den Straßen und in den Geschäften bleibt quirlig, es ist als wenn eine fremde Patina von der Oberfläche verschwindet und die Ursprünglichkeit des Ortes hervorquillt. Etwas gewöhnungsbedürftig noch für mich, aber ich bin gespannt.


Äpfelessen nicht nur gegen Putin sondern für Bildung

Der Satz „Äpfel essen gegen Putin“ wurde, nachdem Russland die Einfuhr polnischer Äpfel untersagt hatte,  durch die Nachrichten weltweit verbreitet. Im nur noch von wenigen Touristen bevölkerten Gizycko erfährt dieser Satz interessante Abwandlungen. Folgendes Schild fanden wir in einer Buchhandlung: „Polnische Äpfel für polnische Bücher“, beim Kauf von einem polnischen Buch, bekommt man Äpfel dazu.


Abschiednehmen

Was bleibt, wenn ich an die letzten drei Wochen zurückdenke? Armut, die einem ins Gesicht schaut, junge Menschen ohne Zähne oder schwarz vor Karies. Herrliche Landschaften: wellige Hügel wie in einer Berg- und Talbahn auf der Kirmes, Wind, Wasser, Weite. Kluge Kirchenfrauen, schon 1938 gab es hier eine studierte Theologin mit Examen. Ja und ich empfinde eine unbestimmte Sehnsucht – wonach? Keine Ahnung, das Land löst sie in mir aus.

Was bleibt? Suri, unser Erdmännchen wird morgen mit nach Hause fahren. Dank fortschrittlicher Tiermedizin hat sie ihre Sterilisation ohne „Kravatte“ Halsbinde, oder wie man sagen will, die sie vom Lecken abhält, über sich bringen können.

Reich, dankbar, voll von interessanten Erfahrungen und Gesprächen gehen wir für dieses Mal.


Zurück in Deutschland

Jetzt sind wir seit zwei Wochen zuhause. Alles geht wieder seinen Gang, der Herbst kündigt sich an. Schnell vergeht hier die Zeit, es ist eine andere eben, als die in Masuren, da tickten die Uhren langsamer. Viele schöne Bilder aus dieser Zeit sind in unseren Köpfen. Der nächste Frühling wird kommen und er führt uns, man glaubt es kaum, nach Polen, Darlowo an der Ostsee. Da gibt’s dann mal Edelurlaub in einem zum Hotel umgebauten Herrenhaus im Zimmer mit „Mehr“blick. Es ist schon gebucht! Übrigens: Unsere polnische Hündin Suri kann inzwischen Deutsch.


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