Bernhard von Clairvaux


Bernhard von Clairvaux war ein Mann mit starker Ausstrahlung, an dem sich die Geister schieden. Die einen waren von seiner Freundlichkeit angetan, die anderen durch sein ungestümes Temperament abgestoßen. Nicht zuletzt die ambivalente Wahrnehmung seiner Person führte dazu, dass er bis heute unvergessen blieb. Bernhard wurde als Sohn reicher, frommer und gebildeter Eltern 1090 in Frankreich geboren, wo er 1153 auch starb. Seine erste Heimat war das neu gegründete benediktinische  Reformkloster Citeaux. Diese mönchische Gemeinschaft setze sich gegen das Verständnis von klösterlichem Leben, der etwa 100 Kilometer weit entfernten Abtei Cluny, zur Wehr. Diese angesehene Benediktinerabtei in Burgund hatte im 11. Jahrhundert durch Spenden, Stiftungen und Erbschaften ein großes Vermögen und weite Ländereien erworben. Besonders deutliches Zeichen des Wohlstandes war der 1088 begonnene Bau der damals größten Kirche der Christenheit. Durch Prachtentfaltung und Reichtum waren die ursprünglichen Werte der Einfachheit der Lebensweise der Mönche und die Idee, von der eigenen Hände Arbeit zu leben, abhandengekommen. Vor diesem Hintergrund bemühte man sich im 11. Jahrhundert an verschiedenen Orten, die ursprünglichen Ideale der Benediktsregel wieder zur Geltung zu bringen. Die neue Gemeinschaft, zu der sich Bernhard hielt, hatte das Ziel, ganz nach der Ordensregel des Benedikts von Nursia zu leben. Einnahmen aus Verpachtung und Zinsen sowie die Erhebung des Zehnten lehnte sie ab. Abgeschiedenheit von der Welt und Einfachheit der Lebensweise waren Grundregeln der Reformgruppe. Es entstand aus der als Reform innerhalb des Benediktinertums gedachten Bewegung, die Gründung eines neuen Ordens, den der Zisterzienser. Zu dieser Zeit war die Gemeinschaft zahlenmäßig noch unbedeutend. Die eigentliche Blütezeit Citeaux' begann mit dem Eintritt Bernhards. Er trat im Jahr 1112 mit 30 Gefährten, zum Teil Verwandten, dem Konvent bei. Von diesem Zeitpunkt an wuchs die Gemeinschaft rasch, sodass man bald vier weiter Klöster gründen konnte. Wollte man Bernhard an seinen Werken messen - es waren 343 neue Klostergründungen und über 500 erhaltene Briefe, auch Predigten- so wäre seine Lebensleistung immens. Aber seine persönliche Leistung im Bereich der Seelsorge soll an dieser Stelle gewürdigt werden.


Bernhard von Clairvaux wurde auf Malereien mit der Bischofsmütze zu Füßen dargestellt. Dass er auf diese Weise abgebildet wurde, sollte verdeutlichen, dass er die ihm angetragene Bischofswürde mehrfach ablehnte. Sogar dem Bitten des Königs, dem Ruf des Domkapitels zu folgen, widersetzte sich Bernhard. Er sah sich nicht in der Lage, dieses Amt zu führen, weil er wohl die Gefahren der Macht in diesem Amt erkannte und Angst hatte, dass auch er, wie so viele andere, ihr unterliegen würde. An dieser Handlungsweise zeigte sich die Ernsthaftigkeit seiner Bescheidenheit. Dieses Verhalten machte seine innere Größe aus. Die praktischen Aneignung und betenden Verwirklichung der Theologie, sah er als seinen Auftrag an und bekam mit manchen großen Theologen seiner Zeit Streit darüber. Wertschätzung erfuhr Bernhard von Clairvaux von Martin Luther, der später über ihn schrieb: „Ist jemals ein gottesfürchtiger und frommer Mönch gewesen, so war's St. Bernhard, den ich allein viel höher halte als alle Mönche und Pfaffen auf dem ganzen Erdboden.“ Luther erschien Bernhard in seinem Reformansatz und in der Betonung evangeliumsgemäßer Einfachheit als Vorbild. Der Seelsorgeansatz von Bernhard was die Liebe, in der er heilende Kräfte wähnte. Sein Kloster sollte als Schule der Liebe allen Menschen dienen. Er lebte von der Grunderfahrung bedingungslos geliebt zu sein, die er mit dem Satz aus dem 1. Johannesbrief begründete: „Gott hat uns zuerst geliebt (1.Joh 4,19)“. Seelsorgerlich begleitete er Papst Eugen III., dem er empfahl, die Ziele nicht zu hoch zu stecken, um dann nicht am mangelnden Erfolg zu verzweifeln. Sondern „gefordert ist Pflege, nicht Heilung. Im Evangelium steht nicht „heile ihn“ sondern „trage Sorge um ihn“ (Lk. 10,35)“, dies schriebt Bernhard an Eugen. Das heißt, so würden wir heute sagen: Eugen soll auf sich aufpassen, damit er nicht krank wird. Er ist dafür verantwortlich, dass er in einer Arbeit gesund bleibe. Bernhard betonte die mütterliche Seite in seiner Rolle als Abt und als Seelsorger, er sprach vom Nähren, Pflegen und Aufziehen „geistlicher Kinder“. Auch sein Gottesbild war von weiblichen Attributen geprägt. Vielleicht erklären diese weichen Elemente, die Bernhard betont, dass er sehr viele junge Menschen durch seine Predigten den Klöstern zuführen konnte.


Die Wirkung auf Menschen und die Anziehungskraft von Bernhard von Clairvaux hatten schon zu seinen Lebzeiten einen legendären Ruf. Von jeder seiner Predigtreisen brachte er Scharen von Klosterkandidaten mit. Er appellierte an die Erfahrung, die Menschen gemacht hatten und hatte ein Gespür für die Eigenart der Einzelnen. Er ließ sie ihre Einzigartigkeit erleben und wusste aufgrund eigener Selbsterkenntnis sich in den Gesprächen zurück zu halten. Mit dem Begriff der Therapie kann man sicher die Hilfen, die Bernhard den Menschen gab, nicht beschreiben. Und doch wird sein Wirken mit einer „spirituellen Therapie“ verglichen. Ein Beispiel für seine Art der Intervention war die Begleitung von Walter.

Ein junger Mann mit Namen Walter, konnte sich nicht entscheiden seine Mutter zu verlassen, um ins Kloster zu gehen. Er war sehr verzweifelt und belastet. Bernhard half ihm nicht, seine psychischen Probleme zu lösen, aber er bemühte sich mit ihm um Klärung seiner Intention und Absicht. Nach dem Motto, was willst du wirklich? In Bernhards Sprache, was ist deine Berufung und Bestimmung von Gott her? Was musst du tun, damit dein Leben gut und erfüllt ist und du deinen Lebensauftrag erfüllst? Auch das Thema Mutterbindung wurde von ihm nicht ausgeklammert. Er wollte wissen, was passieren würde, wenn er sich gegen seine Lebensbestimmung entscheiden würde? Und er hielt nicht hinterm Berg damit, dass er meinte, dass er, wenn er die falsche Entscheidung aus falsch verstandener Mutterliebe heraus treffen würde, sie beide, ihn und seine Mutter diese Haltung zugrunde richten würde. Spirituelle Therapie ist ein modernes Wort für die Hilfe bei der Suche und der Frage von Menschen nach ihrer Bestimmung, nach dem Sinn ihres Daseins. Nicht wenige Menschen haben in unserer Zeit Probleme, die dadurch entstehen, dass sie das Leben von anderen, z. B. der Mutter oder des Vaters leben, das heißt die Ansprüche und Anforderungen der Eltern, auch als Erwachsene erfüllen, anstatt sich selbst zu erkennen, die eigenen Talente und Fähigkeiten zu entwickeln und danach ihr Leben ausrichten.

Ein Bild, das Bernhard verwendete, gibt Anweisung, wie man sich als glaubender Mensch verstehen kann. „Darum, wenn du weise bist, sei ein Becken, kein Leitungsrohr. Denn ein Leitungsrohr nimmt auf und gibt zur gleichen Zeit wieder aber ein Becken dagegen wartet, bis es voll ist, und dann teilt es ohne eigene Verluste aus seiner Fülle mit.“


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