Gregor der Große


Ein Kind reicher Eltern, aus römischem Senatorengeschlecht stammend, ist Gregor, der 540 in Rom geboren wurde. Er wuchs in einer Zeit verheerender Kriege, Krankheiten und Naturkatastrophen auf, die sein Weltbild nachhaltig prägten. Aufgrund dieser Erfahrungen war er der Meinung, dass das Ende der Weltgeschichte bald bevor stehen müsse. Umso wichtiger erschien es ihm, jeden Tag etwas Nützliches für andere zu tun. Er liebte sein klösterliches Leben in Rom, das nur 4 Jahre dauerte, weil er dann, vom Papst berufen, zum Gesandten am Kaiserhof berufen wurde. Nach der Pestepidemie im Jahre 590 starb der amtierende Papst und Gregor wurde zu seinem Nachfolger gewählt. Er wehrte sich im wahrsten Sinne des Wortes „mit Händen und Füßen“ gegen seine Wahl zum Papst. Er hatte sich versteckt und als er gefunden worden war, trug man ihn in die Basilika. Als er dann tatsächlich zum Papst geweiht worden war, nahm er dieses Amt 14 Jahre lang mit großer Tatkraft und weitsichtigen Entscheidungen wahr.

Zu Beginn seiner Amtszeit verfasste er eine Seelsorgeschrift, die sich an die  Seelsorger richtet. Er meinte, dass dies ein sehr schwerer Dienst sei, und man sich in Dingen des geistlichen Lebens auskennen müsse, um Seelenarzt zu werden. Er verlangte geistige Reife und das Wissen um den Bereich der Seele, die es in ihrer ganzen Differenziertheit und Gegensätzlichkeit wahrzunehmen gilt. Er erwartete einen uneingeschränkten äußerst selbstkritischen Umgang mit der Macht und sah  die Gefahr, dass sich Seelsorgende in Äußerlichkeiten oder in der Geschäftigkeit der Welt verlieren könnten. Deshalb rief er zur Konzentration auf, um die „ganze zarte Innerlichkeit“  zu pflegen.

Fast modern mutet an, was Gregor von den „Hirten“ erwartete: Es ging ihm um das rechte Maß, das rechte Wort zum rechten Augenblick. Die heutige Seelsorgelehre weiß, dass es darum geht, den anderen Menschen „zu erreichen“. Nicht viele richtige Worte sind entscheidend, sondern, dass der andere sich verstanden fühlt und „seine Lösungen“ findet, weil der Seelsorgende zurückhaltend und feinfühlig interveniert. Auch ganz im Sinne der heutigen Seelsorgearbeit, hielt Gregor dazu an, die Verfehlungen eines Menschen sehr kritisch anzuschauen, sie aber von der Person zu trennen. Ein Mensch, der sich etwas zu Schulden hat kommen lassen, etwas Schlechtes getan hat, ist nicht gleich auch ein schlechter Mensch.

Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse an Beratung, und genau das, was der andere braucht, sollte ein guter Seelsorger ihm zukommen lassen. „Anders sind die Männer zu ermahnen, anders die Frauen, anders die Demütigen, anders die Stolzen, anders die Eigensinnigen, anders die Wankelmütigen.“, so formulierte Gregor der Große. Es geht darum, dem Selbstsüchtigen zu Erkenntnis seinen Anmaßungstendenzen zu führen und den Kleinmütigen zu stärken, damit der seine Lebensaufgaben sieht und annimmt.

Gregor war ein exzellenter Menschenkenner. In besonderer Weise widmete er sich der Spezies Mensch, die in der Öffentlichkeit Gutes tut, um das Böse zu verheimlichen. Ihnen muss deutlich werden, dass nicht das öffentliche Urteil, das sie als Wohltäter sieht entscheidend ist, sondern das, was vor Gottes Augen zählt.

Gregor war ein politscher Seelsorger, er setzte sich für Friedenbeschlüsse ein und erreichte diese auch. Soziale Seelsorge war sein großes Thema; er war der Mann der kleinen Leute. Er veranlasste, sein ererbtes Vermögen für Klostergründungen und Versorgung der Armen einzusetzen. Er kümmerte sich persönlich um in Not geratene Menschen, setzte die Unterstützung für einen notleidenden Blinden fest und half einem frierenden Bischof mit wärmender Kleidung.

Wahrlich ein begabter Seelsorger lässt sich in Gregor erkennen, der die Prinzipien der modernen Seelsorgelehre in Teilen vorweggenommen hat. Er leitete seine Seelsorgeanweisungen nicht von allgemeinen Regeln oder Glaubensdogmen ab, er wendete sich dem Sosein des einzelnen Menschen zu und sah seine individuelle Not. Mit Schlüsselbegriffen der klientenzentrierten Methode nach Carl Rogers sprechen wir heute von Einfühlungsvermögen, Annahme und Aufrichtigkeit. Das waren auch Gregor Prinzipien. Ihm ging es, wie in vielen Gesprächen heute, um Änderung eines schädlichen Verhaltens mit Hilfe von kontinuierlichem Einüben neuer Verhaltensweisen. Um das zu erreichen, ist die Einsicht in das eigene Fehlverhalten, die Selbsterkenntnis nötig. Sie ist zentral für den seelischen Heilungsprozess und alles, was diesen einleiten konnte, wurde genutzt, wie z.B. Träume. Gregor bezog die nonverbale Kommunikation in das Gespräch ein. Ein ganzheitlicher Ansatz zeigt sich bei ihm. Er kommunizierte nicht nur mit Worten, sondern mit Gesten, Aktionen, Farben und Kleidung. Für ihn gehörte Wort und Tat  zusammen.

Gregor wird der Große genannt, ein wahrer Großer, der ein wirklicher Seelsorger in einem mächtigen Amt war.


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