Hildegard von Bingen


Frauen, die Visionen hatten, waren im Mittelalter nicht unbedingt wohlgelitten, sondern mannigfaltigen Verdächtigungen ausgesetzt. Sie könnten evtl. mit dem Teufel im Bunde stehen. Auch Hildegard hatte in ihrem langen Leben so manche Kämpfe auszufechten, aber ihre „Sehergabe“ , die sich im Alter von 42 Jahren zeigt, war kirchlich vom Papst auf ausdrückliche Fürsprache des Bernhard von Clairvaux anerkannt worden. Niemand konnte ahnen, was aus dem 10. Kind des Grafen von Bermersheim (bei Alzey), das 1098 geboren wurde, werden würde. Als Achtjährige wurde sie dem Kloster auf dem Disibodenberg zur Erziehung übergeben. Sie wurde 1163 Vorsteherin des Frauenkonvents, in dem sie lebte und gründete weitere Klöster. Ihre etwa 300 überlieferten Briefe zeigten ihre Ausstrahlung in fast ganz Europa. Von schwacher Gesundheit, aber mit einem streitbaren Geist ausgestattet, mischte sie sich ein und musste so manche Repressalie über sich ergehen lassen, bevor sie, für die damaligen Begriffe, im Alter von 82 Jahren, hochbetagt starb. Hildegard von Bingen gilt als eine der ersten Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke befassen sich mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie. Sie war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Ihr umfangreicher, zum großen Teil erhaltener Briefwechsel, bezeugte ihre Aktivitäten, die sich in der Ermahnungen gegenüber hochgestellten Zeitgenossen zeigte, sowie Berichte, die weite Seelsorgereisen und ihre öffentliche Predigertätigkeit bezeugen. Ihr Wissen kam aus Erfahrung und Glaube, der sich aus Visionen speiste. Wichtig war ihr, dass ihre Visionen keine „Traumgespinste“ waren, sondern ihr im wachen und klaren Zustand begegneten. Die Pflanzen- und Heilkunde Hildegards ist eingebunden in das theologische Konzept, wie sie es in ihren visionären Hauptwerken in faszinierender Geschlossenheit entwickelte: Alle Erscheinungsformen der Natur und damit auch die Pflanzen und Menschen stehen als Teil des göttlich begründeten und geordneten Weltganzen in enger Beziehung zueinander.

Ein zentraler Begriff dieser Kosmologie ist die „Grünkraft“. Das Grün der Blätter symbolisiert für Hildegard jenes göttliche Prinzip, das dem Leben die Kraft zum Gedeihen verleiht. Es ist das lebendige Band zwischen Schöpfer und Schöpfung.


Hildegard von Bingen war Theologin, Visionärin und Heilkundige. Sie verstand die Nahrungsmittel als Heilmittel aus der Schöpfung: In der gesamten Schöpfung, in den Bäumen, Kräutern, Pflanzen, Tieren, Vögeln, Fischen und in den Edelsteinen waren für sie Heilungskräfte verborgen, die man nicht erkennen konnte, wenn sie den Menschen nicht von Gott offenbart würden. Heilkunde und Heilslehre waren bei Hildegard miteinander verbunden. Eine Krankheitsheilung konnte für sie nicht nur durch die Wirkungen von Kräutern geschehen, weil Gesundheit die Folge eines gottgefälligen Lebens, das im Einklang mit der Schöpfung geführt wird, war. Und letztlich lag die Genesung aus schwerer Krankheit alleine in der Hand Gottes. Der Wechsel von Ruhe und Bewegung, Schlafen und Wachen war, so beschrieb sie, für einen starken Körper unerlässlich. Die Selbstverständlichkeit des Fastens zu den Bußzeiten des Kirchenjahres vor Weihnachten und vor Ostern stärkten die frommen Kräfte im Menschen und stählten seinen Körper von innen her. Sie sollten ihn zu liebevollen Taten, spiritueller Freude, Vitalität und Mitmenschlichkeit anspornen. “Diese Arzneimittel sind von Gott gewiesen und befreien den Menschen von seinen Krankheiten oder Gott will nicht, dass er von seinen Krankheiten befreit werde.” Hildegard wollte die Ursachen einer Krankheit behandeln und nicht nur die Symptome lindern. Bei einem Heilungsverlauf unterschied sie vier Ebenen im Sinne eines ganzheitlichen Geschehens; den göttlichen, den kosmischen, den seelischen und den körperlichen Bereich. Diese Heilkunde sprengte auf vielen Gebieten damals und vielleicht auch heute noch das herrschende Weltbild, weil es ein ganzheitliches war, das den Zusammenhang von Mensch, Schöpfung und Kosmos erkennen ließ. Ihre Heilkunde war eine christlich-ganzheitliche Medizin.

Mensch und Schöpfung sind nach Hildegards Ansatz miteinander verwoben und vereint auf der Suche nach Gott. Fast wie entlehnt aus dem systemischen Beratungsansatz, hört sich ihr Satz: „das alles einander Antwort gibt“ an. Systemisches Denken geht davon aus, das Menschen in wechselseitigen Beziehungen leben, die vergleichbar mit einem Mobile sind. Wird an einer Stelle bewegt, setzt sich das Ganze in Schwung. Wenn in einer Familie ein Mitglied sein Verhalten ändert, wird das Zusammenleben in der gesamten Familie anders.


© Heiderose Gärtner-Schultz  2017   |    Impressum    |    Webauftrittt von itp Lanzarote