Johann Peter Hebel


Bis heute wirken die Geschichten, vor allem die Kalendergeschichten, von Johann Peter Hebel (1760-1825) nach. Zwei ganz besondere sind „Kannitverstan“ und  „Unverhofftes Widersehen“.  In der ersten fragt ein nicht Sprachkundiger nach der Pracht, die ihm in den Niederlanden begegnet, er will wissen, wem so etwas Beeindruckendes gehört. Die Antwort auf alle seine Fragen lautet immer wieder: „Kannitverstan“, und der Besucher denkt sich, dass das aber ein sehr wohlhabender Mann sein muss, der Herr Kannitverstan. Als er einen Leichenzug entdeckt, fragt er, wer das sei? Und er hört: „Kannitverstan“  „Oh, der Arme“, denkt er, „es gibt doch eine ausgleichende Gerechtigkeit“. Hebel spielt mit dem Missverständnis. Das „kann nit verstan“ heißt so viel wie: „Ich verstehe Sie nicht“. Das Wortspiel und die hintergründige Moral der Geschichte machen sie eindrücklich. In der ersten Klasse des Grünstädter Gymnasiums hatte ich die zweite, unvergessliche Begegnung mit einer Hebelgeschichte. Sie heißt: „Unverhofftes Wiedersehen“. Beim Vorlesen dieser Geschichte mussten wir alle unsere Tränen unterdrücken, so ergreifend war sie. Ein junger Bergmann im schwedischen Falun und seine Braut wollen  am Luciafeiertag, dem Lichterfest im Dezember, heiraten. Doch er kehrt  nicht mehr aus dem Bergwerk zurück. Es vergehen fünfzig Jahre, veranschaulicht durch die dichte Erzählung eingetretener geschichtlicher Ereignisse, als am Tag der Sommersonnenwende die von vitriolhaltigem Wasser vollkommen konservierte Leiche eines jungen Mannes gefunden wird. Niemand kennt ihn, denn seine Verwandten sind lange tot. Doch da tritt, „grau und zusammengeschrumpft“, eine Frau hinzu, die Braut von damals. Die Beerdigung wird für sie zum Hochzeitstag. Sie verabschiedet sich: „Ich habe nur noch ein wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag.“ Hebel, der klug und hochgebildet war, bestach durch die Schlichtheit seiner Erzählungen. Er war dem Volk nahe, dieser Theologe, den Fürsten und den Gaunern, den Armen und den Reichen, den Alemannen und den Preußen. Seine Geschichten gehen bis heute zu Herzen. Das ist Seelsorge  auf direktem Weg. Erzählungen erschließen das Gefühl eines Menschen, lösen Betroffenheit und mögliche Verhaltensänderungen aus.


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