Katharina Zell


Wie ist es denn nach Martin Luthers Zeit mit Frauen als Seelsorgerinnen bestellt? In strengem Sinn kann es gar keine geben, wenn das Verständnis von Seelsorge an das Amt des Pfarrers und die Ordination gebunden wird. „Die seelsorgerliche Wirkung von evangelischen Frauen geschah viereinhalb Jahrhunderte lang, ohne dass sie Zugang zum offiziellen Pfarramt gehabt hätten, angesichts einer hierarchisch ganz und gar von Männern dominierten Kirche.“, schreibt Peter Zimmerling in seinem Buch über Evangelische Seelsorgerinnen. Luther versteht die Seelsorge gebunden an Predigt, Taufe, Abendmahl, Beichte und das gegenseitige Gespräch, zu dem alle Christen berufen sind. Im Rahmen des Priestertums aller Glaubenden verstanden sich evangelische Frauen oft als zur Seelsorge berechtigt, was sich aber erst im Pietismus verwirklichte. Ihre Menschen begleitende Arbeit zeigte Wirkung und überdauerte Jahrhunderte. Zu nennen ist unter anderem Katharina Zell, die „Kirchenmutter“ von Straßburg, wie sie sich selbst titulierte. Sie wurde 1497/98 als Tochter eines Schustermeisters geboren, der zur Führungsschicht der Stadt gehörte. Sie wuchs in einem selbstbewussten Umfeld auf, das sehr bildungsfreundlich war. Früh stieß sie auf Luthers Schriften und wurde von ihnen angezogen. Im Rückblick schrieb sie, wie sein Gedankengut sie von der Angst um Gottes Gnade befreit habe. „Da erbarmet sich Gott unser und vieler Menschen und erweckte und sandt aus mit Mund und Schriften den lieben Doktor Martin Luther, der mir und anderen den Herrn Jesum Christum so lieblich ‚für-schriebe‘, dass ich meinte, man ziehe mich erdreichstief aus dem Erdreich herauf, ja aus der grimmen bittern Hölle in das lieblich süße Himmelreich“.  Sie erlebte die theologischen Entdeckungen Luthers wie viele andere auch als Befreiung. Als Matthäus Zell 1521 in reformatorischem Sinn über den Römerbrief zu predigen begann, saß Katharina unter den Zuhörern. Dem Vorbild Martin Bucers folgend, der 1523 nach Straßburg kam, heirateten Matthäus und Katharina in dem Jahr der Ankunft von Bucer. Den Anfeindungen über ihre Eheschließung widersetzte sie sich schriftlich mit biblischen Begründungen. Der Rat der Stadt, der um den Frieden besorgt war, zog die Schrift ein und verbot die Verbreitung.


Katharina Zell (1498/98-1562) war eine selbstbewusste und mutige Frau. Sie litt unter dem Streit der reformatorischen Ströme, die sich über die Sakramente entzündet hatten. Im Münsterpfarrhaus erlebte sie 1529 die streitenden Parteien am eigenen Esstisch, während sie sie bewirtete. In den theologischen Streit zwischen Zwingli und anderen und Luther und seinen Anhängern mischte sie sich ein und schrieb Luther mit der Bitte, um der Liebe willen eine Einigung zu erzielen. Er antwortete ihr mit dem Hinweis, dass die Liebe sehr wichtig sei, dass aber die Wahrheit nicht vernachlässigt werden dürfe. Briefe zu schreiben und ihre Meinung, die sie biblisch begründete, kund zu tun, war eine ihrer Formen der Seelsorge, sie zeigt darin Engagement und Mitgefühl, das half den Adressaten. Katharina Zell war Pfarrfrau, ein großes Münsterpfarrhaus hatte sie zu versorgen, oft waren Flüchtlinge dort untergebracht oder es waren die Schweitzer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Oekolampad mehrere Wochen zu Besuch, bevor sie zu den Religionsgesprächen nach Marburg fuhren. Katharina Zell hatte Temperament und mischte sich da ein, wo sie die Notwendigkeit sah. Um Ärgernissen zu entgehen, weil eine Frau das Wort in der Öffentlichkeit nicht erheben sollte, wählte sie die Briefform und häufig waren es öffentliche Briefe. Aber es gab noch eine zweite Art für sie, seelsorglich tätig zu sein, sie gab ein kleines Gesangbuch heraus. Da die Straßburger nicht begütert waren, um sich ein eigenes Gesangbuch zu leisten, stellte sie Lieder in einem kleinen Buch zusammen, damit jeder die Möglichkeit hatte, Gott zu loben. Für sie waren Gesang und Musik ein Stück ihrer Seelsorge. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie noch zwei Jahre im Münsterpfarrhaus und versteckte dort Martin Bucer, der aus Straßburg ausgewiesen worden war. Weiterhin streitbar, lebte sie in Auseinandersetzung mit dem Rat der Stadt bis zu ihrem Tod. Als einer Bekannten das Begräbnis verweigert wurde, ließ sie sich schwerkrank auf den Friedhof tragen, um die Trauerrede zu halten, ein Verweis des Rates folgte. Zwei Monate später starb sie. Ihre Seelsorge erfolgte in Briefen, sie ermöglichte allen, ihren  Glauben durch Lieder zu leben und sie half durch mutige Taten unabhängig von ihrem Gesundheitszustand.    


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