Nikolaus Ludwig von Zinsendorf 


Ein Wort für den Tag, über das man immer wieder einmal nachdenken kann, das wünschen sich auch heute noch viele Menschen.  Das Strandhotel von Usedom, in dem wir unseren Urlaub verbrachten, erfüllte die Bedürfnisse seiner Kunden. Jeden Tag lag eine Postille vor unserer Tür mit Morgengruß, Programmankündigung und eine säkularem Wort zum Tag.

Der Name Nikolaus Ludwig von Zinsendorf (1700-1760) ist mit einem anderen Wort für den Tag bekannt geworden: den Losungen. Das Datum der ersten Losung war wohl der 3. Mai 1728, als bei der abendlichen Versammlung in Herrnhut, Nikolaus der Gemeinde ein kurzes Wort für den kommenden Tag verkündete. Mit dem Liedvers: „Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riss ihn von dem Thron, und wir sollten ihn nicht lieben?“ begann die beispiellose Geschichte der Losungen. Bald schon wollten die Bewohner des Landes, das Zinsendorf ihnen zur Verfügung gestellt hatte und das bald nach dem in der Nähe befindlichen Huthberg, Herrnhut genannt wurde, auf die „Parole für den Tag“ nicht mehr verzichten. Die Losungen wurden zu einem wichtigen Kommunikationsmittel. Zinzendorf nannte sie „fortgesetzte Gespräche des Heilands mit der Gemeinde“. Er empfahl, dass sie „ins Gemüt und ins Herz“ hineingenommen werden.1731 wurde die ersten gedruckten Losung herausgegeben, die seitdem ohne Unterbrechung, Jahr für Jahr erscheinen. Für jeden Tag des Jahres enthalten sie in der heutigen Form je ein Bibelwort aus dem Alten und dem Neuen Testament sowie einen Liedvers oder ein Gebet. Dabei wird die alttestamentliche „Losung“ aus 1824 Bibelversen gelost. Danach werden der neutestamentliche „Lehrtext“ und  in der Regel ein Liedvers thematisch dazu passend ausgewählt. Die Losungen sind Leitgedanken für den Tag gewesen, die die zusammengewürfelte Gemeinschaft in Herrenhut zusammenhielten, weil sie eine tägliche seelsorgliche Anrede für den Einzelnen waren und bis heute sind. Auf dem ehemaligen Gut seiner frommen Großmutter in der Oberlausitz, die ihn religiös geprägt hatte,  nahm Zinzendorf  ab1722 Glaubensflüchtlinge, die im katholischen Habsburg bedrängt wurden, Nachfahren der alten Böhmischen Brüder, auf. Aus dieser Bewegung erwuchs die kirchlich eigenständige Brüdergemeinde.  Ein Bibelwort für jeden Tag wird auf der ganzen Welt gelesen und verbindet Menschen unsichtbar als Christen miteinander.


In wenigen Zeilen soll das reiche Leben Zinzendorfs nachgezeichnet und vor allem das berichtet werden, was zum Verständnis  seiner Seelsorgeüberlegungen und -arbeit von Interesse war. Zum Adel österreichischer Herkunft gehörend wurde von Zinzendorf ein standesgemäßes Leben erwartet. Da sein Vater kurz nach seiner Geburt starb und seine Mutter sich wiederverheiratete, lebte er bei seiner verehrten und ihn prägenden Großmutter. Er wurde ins Pädagogikum nach Halle geschickt. Da er der erste Reichsgraf war, der dort unterrichtet wurde, durfte er bei den Mahlzeiten zwischen dem Ehepaar Francke sitzen. Diese Bevorzugung erleichterte ihm das Leben dort nicht, er hatte es in dieser Lehranstalt nicht leicht und wurde nicht unbedingt positiv beurteilt. Auch rieb er sich an der ängstlich-strengen Atmosphäre, konnte aber trotzdem Impulse für sein Leben mitnehmen. Für Zinzendorf war als standesgemäße Aufgabe vorgesehen, in den  sächsischen Staatsdienst zu treten, und  so studierte er ab 1716 Jura in Wittenberg, der Hochburg der lutherischen Orthodoxie. Hier bekannte er sich als "Pietist" und beschäftigte sich neben seinem Studium mit theologischen Fragen. Nach der Übernahme des Guts der Großmutter und der Aufnahme von Glaubensflüchtlingen widmete er sich vor allem dieser Herausforderung. Aus dem Gebiet um dem Huthsberg, das er den Flüchtlingen überließ, wurde Herrenhut, unter dem Hut des Herrn. 1734 wurde Zinzendorf als lutherischer Theologe ordiniert. 1736 gab es Auseinandersetzungen bezüglich der Glaubensrichtungen. Zinzendorf wurde durch den reformierten Hofprediger in Berlin, der zugleich Bischof der polnischen Brüder-Unität war, zum Brüderbischof ordiniert, danach begann eine intensive Reisetätigkeit. Die Entwicklung  seiner Herrenhuter Gemeinschaft war auf Ordnungen und Regeln, die sie sich gaben, zurückzuführen. Die Grundlagen herfür fanden sich in den Vorlagen der Böhmischen Brüder, das heißt, sie waren nicht unerprobt. Die Vorstellungen und Ordnungen in der verfassten waren deutlich unterschieden zu den Überlegungen, die in Herrenhut wirksam geworden sind. Unter Anderem war das Amtsverständnis, die Stellung des Pfarrers in der Gemeinde  anders definiert.


Die Erneuerung der Seelsorge durch die Bestrebungen Zinzendorfs in Herrenhut hing mit dem Amtsverständnis und mit der Auslegung des „Priestertums“ aller Glaubenden zusammen. In der Gemeinschaft gab es anstelle der Pastoren predigende Brüder, die Seelsorge war Ältesten und Chorhelfenden überlassen, war letztendlich die Aufgabe aller. Der Ansatz vom Priestertum aller Gläubigen verwirklichte sich vorwiegend im Seelsorgebereich. Das Bischofsamt wurde als Seelsorgeamt ohne kirchenleitende Funktion verstanden. In dieser frühen gemeinschaftlichen Zeit in Herrenhut waren die Frauen in fast allen Bereichen des religiösen Lebens gleichgestellt. Ihnen oblag die Aufgabe der Seelsorge und Begleitung genauso wie den Männern, und sie hatten Leitungsaufgaben inne. Zinzendorf entwickelte mit seinen Mitarbeitenden eine Vielzahl von Neuerungen. Am Anfang wurden in der Gemeinde verschiedene Gruppen, sogenannte Banden eingeführt. Das waren auf Sympathie und Freiwilligkeit beruhende Kleingruppen von 3-8 Leuten, in denen man sich auf dem Weg der Nachfolge bestärkte. Die Bandenführer dieser "Beichtgemeinschaften" tauschten sich in wöchentlichen Konferenzen aus.  Musik und Gesang waren ein weiteres starkes Band der Gemeinschaft und Zinzendorf war ein begeisterter Liederdichter. Herrenhut wurde durch das Zusammenleben der unterschiedlich geprägten Christen zu etwas Neuem, zu einer ökumenischen Freikirche. Im Jahre 1747 wurde Zinzendorf die Rückkehr nach Sachsen gestattet, und 1749 erreichte er für die Herrnhuter Brüdergemeinde die Freiheit der Verkündigung und die Tolerierung der Gemeinde als eine der sächsischen Landeskirche verbundene Gemeinschaft. Das bunt gewürfelte berufliche und religiöse Leben von Zinzendorf kann als Facette der Zeitgeschichte ein Licht auf die Entwicklung der Seelsorge werfen. Im Zeitalter der Aufklärung, als der Sinn für die positiv christliche Frömmigkeit schwand, ist die Herrnhuter Brüdergemeinde zum Asyl für zahlreiche "Stillen im Lande" geworden, die dem Heiland in heiliger Liebe nachfolgen wollten. Seelsorge war die gegenseitige Begleitung in Gruppen hin zu dieser Verschmelzung mit Christus. Zinzendorfs Werk Herrenhut wirft bis heute ein Licht auf und in die Welt, nicht zuletzt durch die tägliche seelsorgliche Ansprache in den Losungen.

 

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