Oskar Pfister


Der erste Pastoraltheologe

Eine neue Epoche evangelischer Seelsorgearbeit beginnt zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Um den Beginn der analytischen Seelsorge zu verstehen, die Oskar Pfister (1873-1956) vertrat, der Pfarrer in Zürich war, wo er geboren wurde und auch starb, ist ein Stück Zeitgeschichte nötig. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kommt die Psyche des Menschen in das Blickfeld vieler medizinischer Untersuchungen. Die Psychoanalyse erobert am Beginn des neuen Jahrhunderts die Welt. Das Thema „Seele“ bleibt in kirchlicher Hand und die Frage nach Abgrenzung oder Zusammenhang vom Kümmern um die Seele oder um die Psyche wird gestellt. An dieser Stelle stößt man auf Oskar Pfisterer, der in regem Austausch mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, stand. Pfister unterhielt außerdem Beziehungen zu den religiösen Sozialisten. Zwischen 1909 und 1939 korrespondierte er regelmäßig mit Sigmund Freud über Theologie und Psychoanalyse. Sigmund Freud, von Hause aus Jude, hielt die Religion für eine Gefahr für den Menschen und bezeichnete sich als Feind der Religion. Streitbare Auseinandersetzungen kennzeichnen diese Zeit, die Spannungen innerhalb der psychoanalytischen Richtungen, die Adler, Freud und Jung eingeschlagen hatten, führten zum Bruch unter ihnen.  

Pfisterer war einer der Pioniere der Psychoanalyse in der Schweiz und gehörte zum Kreis um Eugen Bleuler und Carl Gustav Jung, er war Mitgründer der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse. Die erste theologische Würdigung der Psychologie Sigmund Freuds verfasst er, in der er ihn sozusagen als Christ zu vereinnahmen versuchte, weil er sich mit der Wahrheit auseinandersetzte. Dem widersprach Freud vehement. Gleichzeitig schreibt Freud aber Folgendes an Pfisterer zurück: „ An sich ist die Psychoanalyse weder religiös noch das Gegenteil, sondern ein unparteiisches Instrument, dessen sich der Geistliche wie der Laie bedienen kann, wenn es nur im Dienste der Befreiung Leidender geschieht.“ Das tiefenpsychologische Verstehen vieler biblischer Geschichten war Pfisterer ein Anliegen, dem er sich in seinem Spätwerk: Das Christentum und die Angst (1944) widmete.

Man kann Pfister  als Initiator der Pastoralpsychologie, einer Disziplin, in der sich weltliche Kenntnisse aus Psychologie und Soziologie mit kirchlicher Seelsorge verbinden, verstehen.


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