Philipp Jakob Spener


Die sogenannte lutherische Orthodoxie, die man in unterschiedliche Phasen einteilen kann, zeichnete sich durch die Ausbildung eines lutherischen Lehrsystems und die Publikation zahlreicher dogmatischer Systeme aus.  Die Seelsorge wurde als Teil der Kirchenzucht verstanden. Die Beichte fand im Beichtstuhl statt und bestand aus dem Bekennen des sündigen Verhaltens und dem Bitten um Vergebung. Menschen, die es schwer mit sich und dem Glauben hatten, sollten auf diese Weise Gott näher gebracht werden. Die pietistischen Strömungen, zu deren Vätern  Philipp Jakob Spener gehört, wendete ihre Aufmerksamkeit den Frommen und Willigen zu. Sie sollten im Mittelpunkt pfarramtlicher oder kirchlicher Praxis stehen und ihre Seelen sollten auf sanfte Weise geführt werden. Das heißt zum Beispiel, dass ein seelsorgerliches Beichtgespräch nicht im Beichtstuhl ablaufen musste und eher den Charakter der Begleitung als der Auflistung von Fehlern haben sollte. Philipp Jakob Spener, einer der wichtigsten Reformer und Anführer pietistischer Bewegungen, lebte von 1635 bis 1705. Es war ungewöhnlich, dass er als Pfarrer Scheu vor der „Seelen-sorge“ hatte. Der große Prediger war geprägt vom Seelsorgeverständnis der lutherischen Orthodoxie, also im Beichtstuhl im Rahmen der Kirchenzucht. Er wollte Berater und Seelenführer sein. Es ging ihm nicht um die Zurechtweisung von Menschen, er wollte sie verstehen und fördern im Wachstum des Glaubens, kurz: Erbauung. Eine Form der gegenseitigen Unterstützung sah er in Gesprächskreisen, die er erfolgreich initiierte. Bemerkenswert war die Umsetzung des Verständnisses des Priestertums aller Glaubenden, für ihn war jeder Christ, jede Christin in der Pflicht dem anderen durch Zuhören, Rat und Tat zur Seite zu stehen. Diese Haltung erklärt die Rolle vieler Frauen als Seelsorgerinnen im Pietismus.

Spener hilft vielen Menschen, die sich in Briefen an ihn wenden. Neben dem Versuch, sich mit Angefochtenen zu solidarisieren und ihren Anfechtungen den Schein des Außergewöhnlichen zu nehmen, vertritt Spener  die altlutherische Anschauung, dass Zweifel und Mangel an Glaubensempfindungen kein Zeichen von Gottverlassenheit sein müssen. Der Bedrängte solle sich in Gottes Willen fügen und Geduld und Ergebenheit üben.


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