Haushalter


Manch` harter Brocken begegnet mir im Neuen Testament. „Unmoralische Helden, anstößige Gleichnisse Jesu“ so ist ein Buch von Tim Schramm und Kathrin Löwenstein betitelt. Viele Zumutungen sind in Gleichnissen zu finden, die uns vielleicht mit Recht provozieren wollen. Es wird im Lukasevangelium (Lk 16,1-13) von einem reichem Mann und dem Verwalter seines Vermögens (1b-7) erzählt. Der Verwalter hat die Aufgabe, dieses Vermögen zu vermehren, zum Beispiel durch Pachtverträge, Darlehensvergaben oder Handelsgeschäfte. Wer Land gepachtet hat, schuldet dem Besitzer einen Großteil der Ernte, was in schlechten Jahren verheerend sein konnte. Eines Tages verlangt der Besitzer Rechenschaft über die Vermehrung seines Vermögens, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass der Verwalter seinen Besitz verschleudere. Was tut der Verwalter? Er erlässt dem Pächter die Schulden und streicht die Schuldscheine. Ist das Schurkerei oder Klugheit?

Obwohl der Verwalter seinem Auftrag und seinem Arbeitgeber gegenüber untreu gehandelt hat, wird er im biblischen Text gelobt. Er hat Initiative ergriffen und etwas zu seiner eigenen Rettung unternommen. Angesichts der kommenden Ereignisse ist voller Einsatz, Klugheit verlangt.

Vers 8 war wohl nicht der ursprüngliche Schluss des Gleichnisses. Es ist denkbar, dass er von Lukas stammt, um Missverständnisse zu vermeiden. Die Kinder des Lichts haben die Aufgabe zu erkennen, worauf es im Augenblick ankommt.

Da wirtschaftliches Handeln in der Regel ein Gefälle zu Ungerechtigkeit hat, muss es immer wieder ausgeglichen werden. Dafür gibt es das Sabbat-, das Erlassjahr. Es ist ein Schutz für die Schwächeren. Die Schulden, die die Bauern beim Verwalter haben, sind beträchtlich.

Als der Verwalter realisiert, dass er seinen Job verliert, kommt er auf die Idee, sich selbst auf Kosten seines Arbeitgebers zu sanieren: Er lässt die Schuldner antreten und gibt ihnen ihre Schuldscheine zurück. Er erhofft sich aufgrund der verminderten Schuldsumme, dass die Schuldner ihm im Gegenzug nach seiner Entlassung Gastrecht gewähren und ihn versorgen. Eine Interpretation des Gleichnisses sagt, das die erlassene Menge, dem im Vertrag versteckten Zins entspricht. Der Verwalter hat dann die (nach der Thora verbotene) Zinszahlung ausgesetzt. Jesus nennt das, „sich Freunde machen“.

 

Lk 16 II

Der untreue Verwalter (Lk 16, 1,9) muss eines Tages dem Besitzer Rechenschaft ablegen. Er zieht sich aus der Affäre, indem er den Pächtern seines Herrn die Schulden erlässt. Die Straftat des Verwalters ist nicht zu unterschätzen: Urkundenfälschung und Untreue. Wie kann das Gleichnis verstanden werden, zumal der ungerechte Verwalter in Vers 8 gelobt wird. Es gibt unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Ulrich Wilckens schreibt: »Das Gleichnis ist unter allen sonstigen Gleichnissen Jesu eigenartig: Ein skandalöser Betrug wird zum Bild für die rechte Einstellung zum Gottesreich!  Der Herr lobt seinen Verwalter, statt ihn zu tadeln.“

Aus anderer Sicht interpretiert Jörg Zink und übersetzt Lk 16,8: „Als der Besitzer von der Sache erfuhr, imponierte ihm der Geschäftsführer, trotz aller Betrügereien und Schliche. Er war klug! Er hatte seine letzte Chance genutzt.“ Vielleicht kann man meinen, dass der Verwalter nicht wegen seines Betruges gelobt wird, sondern wegen seines Geschicks, sich aus einer verzweifelten Situation zu ziehen.

Oder handelt es sich um etwas anderes, ist ein Übersetzungsfehler von Lukas denkbar, der sich auf ein hebräisches Urevangelium bezieht? Könnte der Vers dann evtl. so heißen: Und der Herr verdammte den betrügerischen Verwalter, weil er hinterlistig gehandelt hatte? „Schon früh hat man den Sinn des Gleichnisses nicht mehr verstanden und fügte so (...) Sprüche hinzu, die zu verlässlicher Treue im Kleinen wie im Großen mahnen.“ (Ulrich Wilkens)

Einen anderen Zugang zu diesem Gleichnis suchen Tim Schramm und Kathrin Löwenstein in ihrem Buch „Unmoralische Helden“. Sie nähern sich dem Gleichnis folgendermaßen: Sie halten Vers 9 für eine Interpretation eines urchristlichen Predigers. Denn die Erzählung lässt in keiner Weise erkennen, dass der Verwalter ein Vorbild an Freigebigkeit ist. Sein Handeln ist von durchweg egoistischen Motiven bestimmt. Er schmeichelt sich, will Vorsorge für sich auf Kosten seines Arbeitgebers treffen. In Vers 9 liegt der mehr oder weniger nicht geglückte Versuch vor, die Geschichte des Verwalters harmlos zu verstehen, seine Ehre zu retten und ihn angesichts des ungerechten Mammons zu einem Beispiel der Freigebigkeit zu machen.

 

III

Das Gleichnis vom Haushalter, der zur Rechenschaft gezogen wird und den Pächtern seines Herrn die Schuldscheine streicht, hat in der Urkirche gelebt und einen Wachstums- und Verstehensprozess durchlaufen. Was ist der Sinn der Erzählung? Das Lob für den Haushalter ist kein Lob für seine Ungerechtigkeit. Der Mann und sein Handeln werden hervorgehoben, weil er die Fähigkeit besitzt, auf eine bedrohliche Situation mit Entschlossenheit und Klugheit zu reagieren. Er lässt die Dinge nicht laufen, er tut etwas. Die endgültige Aufrichtung des Gottesreiches ist nahe. Es gilt, sich darauf einzustellen.

Nur an einem Punkt will das Gleichnis übertragen werden. Weder die materiellen Güter, noch das betrügerische Handeln oder die Unmoral des Verwalters sind die Botschaft der Erzählung. Alle diese Elemente der Geschichte gehören in die Bildhälfte. In der Anwendung (Sachhälfte) soll nur die, zugegeben am unmoralischen Verhalten festgemachte, Klugheit übernommen werden. Das Gottesreich ist nahe, heißt die Botschaft für die Hörenden, erkennt die Zeichen richtig und handelt klug – darum geht es.

Die Gottes Herrschaft ist gegenwärtig erfahrbar und zugleich zukünftig zu erwarten. Sie ist Gabe und Forderung. Das Gleichnis vom Haushalter betont den Forderungscharakter. Klugheit und Entschlossenheit wird gefordert. Das eigene Verhalten erkennen und ohne Zögern und Bedenken Konsequenzen daraus ziehen, das ist die Botschaft. Der kritische Aspekt dieses und ähnlicher Gleichnisse will weniger Furcht einflößen als auf die Bedeutsamkeit der Gegenwart hinweisen. Einsatz und Hingabe auf ganzer Linie ist angesagt.

Vermutlich war das Gleichnis vom cleveren Verwalter von Jesus zu einer bestimmten Zielgruppe gesagt, zu den Schriftgelehrten und Pharisäern, seinen Gegner. In diese Auseinandersetzung gehören seine Worte hinein. Ihre Anstößigkeit sollte in dem Gemüt der frommen Zuhörer etwas Explosionsartiges auslösen und eine innere Gärung bewirken. Denkbar ist auch, dass Jesus diese Geschichte Menschen erzählte, die ihm nachfolgen wollten und die es schwer mit sich und dem Leben hatten. Vielleicht waren zweifelhafte Menschen unter den Zuhörern, wie Zöllner, Diebe, Tagelöhner, die es mit den Gesetzen nicht so genau nahmen, ihnen war klar, wo von Jesus spricht. Das Gleichnis diente für sie als Illustration, die Stäke des cleveren Verwalters wahrzunehmen und zu übertragen und im Blick auf die Sache Jesu zum Vorbild zu nehmen.


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