Trost


Zu schnell wird manchmal die Krankheit „Depression“ als Modeerscheinung abgetan. Burn out, Erschöpfungssyndrom sind der Depression ähnliche Erscheinungen. Ein Mensch ist überlastet, seiner Lebens- oder/und Arbeitssituation ist er nicht mehr gewachsen. „Ich kann nicht mehr…“, das ist in Kurzfassung des Gefühls eines am Rande des Zusammenbruchs stehenden Menschen.

Auch wenn in unserer Zeit die Depression endlich als eine ernstzunehmende Krankheit, die mit körperlicher Symptomatik einhergeht, wahrgenommen wird, gibt es sie als Erscheinung, solange es den Menschen gibt. Oft hatte sie anderen Namen, wie Schwermut, Melancholie oder Traurigkeit.

Ein von Gott Beauftragter, Elia, konnte eines Tages nicht mehr. Er war erschöpft von seinem Tagesgeschäft, in Gottes Diensten zu stehen, Gottes Prophet zu sein und unangenehme Wahrheiten verkünden zu müssen. Er zog sich in die Wüste zurück und wollte sterben. Alles war ihm über den Kopf gewachsen. Es schien keinen Trost mehr für ihn zu geben.

Wahrhaftes Trösten gelingt Menschen aus eigener Kraft in der Regel nicht. Zu Elia kam ein Engel. Er hatte die Macht, ihm neue Energie zu geben: „Steh‘ auf, iss‘ und geh‘ deinen Weg weiter, tu‘ deine Arbeit.“

Die Bibel überliefert, dass der Engel in ähnlicher Weise auf Elia eingewirkt hat. Aber nicht nur mit Worten hat er ihn „bearbeitet“, er brachte ihm auch Essen und Trinken mit. „Lass‘ dich nicht hängen...“ so würden wir heute vielleicht mit Elia sprechen. Bei einer krankhaften Depression würde eine so geartete Einwirkung eher nicht helfen.  Bei einem Erschöpfungszustand allerdings ist oftmals der Sinn im Leben oder in der Arbeit verloren gegangen. „Er-schöpft“, alle Ressourcen sind aufgebraucht, der Brunnen, die Quelle, aus der geschöpft werden konnte, ist leer. Der Trost spendende Engel vermittelt Elia neuen Sinn. Er zeigt ihm, dass er gebraucht wird, er ist wichtig, ohne ihn geht es nicht. Neuer Sinn und eine „Portion gutes Essen“ helfen Elia auf die Beine. Ob das im Leben außerhalb der Bibel immer so gelingen kann, mag dahin gestellt sein.  Mit einem erschöpften Menschen nach seiner Lebensaufgabe, nach dem Auftrag in seinem Leben zu suchen, ist lohnenswert und tröstend.


Worte versagen oft beim Trostspenden. Bei einem traurigen Menschen bleiben, Zeit mit ihm verbringen, kann tröstend wirken. Auch körperliche Gesten, Hand oder Schultern berühren, in den Arm nehmen, kann helfen. Außer menschlicher Nähe, kann das Gebet, das Gespräch mit Gott oder die Musik einem Leidenden neue Kraft geben.

Ein Mann erzählte mir, dass er in der Trennungsphase von seiner Frau, sich selbst trösten konnte mit dem Hören eines Liedes von Grönemeyer, in dem der Satz: „Gib‘ mir mein Herz zurück…“ gesungen wurde. Er hörte den Song immer und immer wieder, weinte und sang mit, das tat ihm gut.

Musikhören kann trösten. Aber auch selbst Musik machen, wenn man ein Instrument gelernt hat, hilft über so manchen Kummer hinweg. Jugendliche in der Pubertät nutzen Musikhören oder Musikmachen zur Bewältigung von Tiefs, sei es Liebeskummer oder „Zoff“ mit den Eltern.

Ein prominentes biblisches Beispiel ist König Saul. Er neigte zur Traurigkeit, war melancholisch. Nichts schien dann mehr zu helfen. Nur David konnte ihn aufheitern, indem er Harfe spielte. Die Musik wird zum Seelentröster.

Von christlichen Märtyrern in der Zeiten der Verfolgung wird berichtetet, dass sie sich mit Lieder in der Gefangenschaft  oder in der Löwenarena Mut machten.

Dem hohen Trostpotential der Musik verdanken wir viele Trostlieder im Gesangbuch, die in vorhergehenden Gesangbüchern unter „Trost und Gottvertrauen“ vorkamen.

Luther beschreibt die „musica“ als eine der höchsten und herrlichsten Gaben. Sie vertreibt Anfechtung und böse Gedanken, verjagt den Geist der Traurigkeit, sie ist Labsal für betrübte Menschen. Das Herz wird zufriedengestellt, erquickt und erfrischt. Des Teufels Werk wurde hinter dem Auftreten der Schwermut vermutet. Mit Chorälen und Gesängen wurde gegen sein Wirken vorgegangen.

Der „höllischen“ Traurigkeit zu entkommen war das Ziel. Bis ins 16. und 17. Jahrhundert war Gebet und Choral, sowie etliche Trostbüchlein, das Mittel gegen Traurigkeit. Heutzutage denke ich an den überbordenden Markt von buntbebilderten Büchlein zu jedem Thema und die unaufhörlichen Ratgebern für alles und jedes. Sie sollen Hilfe in der Not bringen und vielleicht tun sie es ja auch.


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