Zeit


Zeit 1

Meine Zeit steht in deinen Händen, singen wir im Gottesdienst. Die Lebenszeit von Menschen ist keine „Eigenzeit“, sie ist  nicht unbegrenzt verfügbar. Sie ist von Gott geschenkt, so verstehen wir die Zeit als Christen.

Wie macht sich das im praktischen Leben bemerkbar? Ist es nicht die Uhr, die unser Leben regiert, die Termine, die das Tempo vorgeben? Verräterisch ist die Sprache, die von „Zeitfenstern“ spricht, die offen sind. Wer hat sie geöffnet, was ist ein „Zeitfenster“? Eine Terminlücke? Öffnet sich ein  „Zeitfenster“ zwischen zwei oder mehreren Terminen?

Wie wird mit der von Gott geschenkten Zeit umgegangen? Dank und Wertschätzung des Geschenkten ist eine angemessene Antwort.

Im Alten Testament hat alles seine Zeit: „geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit; ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit“.(Koh. 3) und alle wissen um ihre Zeit, beziehungsweise um die Vergänglichkeit ihrer Zeit .„Ein Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit“ (Jer 8,7). Flüchtigkeit wird der Zeit zugeschrieben, „unsere Zeit ist wie ein Schatten, der dahinfährt“ (Wsh 2,5).

Die Zeit wird nicht als messbare, quantifizierbare Größe verstanden. Das Wesen der Zeit ist die Qualität des Inhalts, es gibt Augenblicke, Stunden und Tage, in denen gutes oder böses geschieht oder verursacht wird: „gute Zeiten und schlechte Zeiten“. Eine Dauerserie im Fernsehen trägt diesen Titel. Aus den bösen Zeiten kann Gott erretten und deshalb beten alttestamentliche Menschen um die Hilfe Gottes: „denn es ist Zeit, dass du (ihm) gnädig seist“. (Ps 102, 14) .

Bei vielen Propheten spielt die Zeit eine große Rolle. Sie prophezeien Gottes Willen, sie sprechen davon, dass „die Zeit kommen wird“, in der dies oder das geschehen wird oder der Tag des Herrn kommt (Hes 30,3).

Nicht die Länge der Zeitspanne des persönlichen Lebens ist entscheidend, sondern wie gefüllt die Lebensaugenblicke und –stunden sind; das ist das, was zählt. Ein Leben, das gesetzestreu und fromm gelebt wurde, ist eines, das Gott gefällt. Das war das einzig wichtige für die Menschen des Alten Testaments. Ich möchte mein Leben, meine Zeit genauso verstehen: Nicht die Menge an Jahren ist das Außergewöhnliche, sondern das, was gut und sinnvoll und von Glauben getragen war, ist, was bleibt.


Zeit 2

Wenn das Wort Zeit fällt, assoziiere ich häufig Hektik. Zeit-haben für andere, ist ein kostbares Gut geworden. „Wir werden von der Zeit aufgefressen“, dieses Sprichwort hat mit dem griechischen Zeitverständnis zu tun. Die Begriffe Kronos und Kairos stehen für Zeit.

Cronos ist eine vor- bzw. griechische Gottheit. Aus Angst vor Konkurrenz frisst diese seine Kinder. Mit Kronos wird der gleichmäßige Ablauf der Zeit beschrieben: eine Sekunde vergeht nach der anderen.

Das Neue Testament kennt den Kairos, die erfüllte Zeit, das Kommen von Jesus, die Präsens des Reiches Gottes. Im Kairos, im besonderen Augenblick der Erfüllung, treffen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sie sind aufgelöst in einer neuen Dimension.

Mk 1, 15 „die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen.“

Es gilt bereit zu sein, „weil wir wissen, dass die Zeit, die Stunde, da ist“ (Röm 13,11). Im Gleichnis gesprochen, ist vom kommenden Bräutigam die Rede, auf den die Jungfrauen warten sollen. Die Klugen haben Lampenöl auch für eine längere Wartezeit (Mt 25, 1ff),  um diesen wertvollen Augenblick der Ankunft nicht zu verpassen.

Für Karl Barth ist die Zeit das Gefäß für das göttliche Heilshandeln. Durch dieses Zeitverständnis wurde die Diskussion mit der Quantenphysik eröffnet, die die Zeit als offenes System betrachtet.

Die Zeit des Lebens in Stunden, Tagen und Jahren zu messen, ist eine Möglichkeit, Lebens-Zeit zu verstehen. Diese Art der Zeitmessung führt in die Hektik. „Zeitverdichtung“ bedeutet noch mehr Arbeit in weniger Zeit zu erledigen.

Entscheidend für gelingendes Leben ist es, ein Gefühl für das Wichtige im Leben zu entwickeln und die Zeit als etwas zu verstehen, in denen die Gezeiten von Gewesenem, Seiendem und Kommendem zum Kairos zusammenfallen, weil Gott im Leben gespürt und für ihn gelebt wird. 

Es ist spannend, dass die moderne Glücksforschung zu einem ähnlichen Ergebnis kommt. Der Mensch ist dann glücklich und zufrieden, wenn er sich selbst und die Zeit vergisst. In der „Happiologie“ wird dieses Phänomen als „flow“  bezeichnet, es ist der erfüllte Augenblick, der alles andere unwichtig erscheinen lässt, eben: Glücksempfindung pur.


Zeit 3

Abraham starb alt und lebenssatt und erreichte eine Lebensjahreszahl nach der Bibel von 175 Jahren (Gen 25,7). Von Sara, seiner Frau wird berichtet, dass sie 127 Jahre alt wurde (Gen 23,1). So exakt wie unser Lebensalter gezählt wird, wurde es in biblischer Zeit nicht. Warum wird überhaupt eine Altersangabe gemacht? Vielleicht soll mit der Menge an Jahren, die Wichtigkeit der Personen betont werden.

Sara und Abraham als Ahnin und Stammvater sind herausragende Figuren der Heilsgeschichte. Das erste Stück Erde des verheißenen Landes, das die Kinder Israel in Kanaan besitzen, gehört Sara. Das ist ihr Grabplatz und zu ihr wird auch Abraham gelegt.

Bei Abraham ist es wichtig zu wissen, dass er ein langes und reiches Leben hatte, das sich im Tod erfüllt hat. „Lebenssatt“ sterben dürfen, ist ein Geschenk. Wie sagen wir dazu, wenn wir das bei einem Menschen erleben? „Er oder sie wollte nicht mehr leben“, das hört sich nicht ganz so zufrieden an, wie lebenssatt.

Was können wir eigentlich mit unserer  exakten Jahreszählung anfangen? Nicht alle 50 jährigen sind „gleich alt“, jeder Alterungsprozess ist ein anderer, ist individuell. In einer Illustrierten wurden Frauen vom gleichen Jahrgang verglichen und es wurde überlegt, wer älter wirkt. Schon die Bibel weiß, dass Gott Junge „alt aussehen“ lässt (Jes 40,30) und das er Alten „Beine“  (Joh 3,4; Ps 92,15) machen kann. Alter ist relativ.

Seit einiger Zeit spricht man im Rahmen der Wetterprognosen auch von gefühlter Kälte etc. Entscheidend ist nicht das kalendarische Alter, sondern wie alt man sich fühlt. Nicht die Anzahl der Jahre ist wichtig, das „gefühlte“  Alter ist entscheidend für die Lebensqualität. Das bedeutet, dass nicht die Zahl der gezählten und gelebten Jahre etwas über unser geführtes Leben aussagen, sondern es sagt über uns aus, wie wir gelebt haben. Wie füllen wir unsere Zeit, unsere Jahre, was ist uns wichtig?

Entscheidendes Kriterium für ein gutes Leben mit gefüllten Jahren, ist in der Bibel die Beziehung zu Gott. Es ist nicht wichtig im Leben, wie alt man wird, welchen Reichtum man angesammelt hat, sondern, dass Gott ein wichtiger Teil im Leben ist und ihm Platz in der Lebenszeit z.B. durch das Gebet eingeräumt wird.


Das Kirchenjahr

„Ich habe keine Zeit“, ein Satz, den wir häufig hören müssen oder selber sagen. Dabei müssten wir viel mehr Zeit haben, als die Menschen, die von mehr als 100 Jahren gelebt haben. Einmal arbeiteten sie viel länger, als wir heute durch unsere geregelten Stundenverträge und zum anderen gibt es heute Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen, wie Wasch- oder Geschirrspülmaschine. Wo ist die Zeit, die wir durch die Erleichterungen einsparen könnten? Ein neuer Bereich hat sie eingenommen, die Freizeit. Der Begriff bedeutet freie, selbstbestimmte Stunden zur Verfügung zu haben. Die Freizeit von Vielen ist angefüllt mit Hobbies, Sport und der Suche nach Erholung. „Nichts ist so anstrengend, wie die Suche nach Erholung“, hat ein kluger Mann gesagt. Wie verbringen wir unsere Lebenszeit sinnvoll? Vielleicht nicht immer auf die Uhr schauen?

Wir können aus dem alttestamentlichen und neutestamentlichen Zeitverständnis lernen, Lebenszeit neu zu verstehen, die „gefüllte“ Zeit zu leben. Sie zyklisch wahrzunehmen, indem wir mit der Natur leben, erhöht die Wahrnehmung von Tag und Stunde. Im Kreislauf des Kirchenjahres spiegelt sich das zyklische Zeitverständnis: das Werden im Frühjahr und das Vergehen im Herbst wiederholen sich. Zeit wird nicht linear, von Anfang bis Ende gemessen, sondern Zeit ist im Kreislauf der Wiederholung präsent. Bewusst das Leben mit den Jahreszeiten und dem Kirchenjahr zu gestalten, erschließt intensive Erfahrungshorizonte. Das Kirchenjahr beginnt mit der Erwartung eines neuen, richtungsweisenden Ereignisses, der Geburt Jesu. In den dunkelsten Tage feiern wir Licht, dass mit Jesus zu uns kommt, symbolisch erleben wir den Durchbruch des Lichts, denn in dieser Dezemberzeit werden die „Tage wieder länger“, d.h. jeden Abend ist es ein bisschen länger hell.

Im Kirchenjahr ist das Leben enthalten mit allen seinen Höhen und Tiefen. Es beginnt mit dem Advent, der Erwartung der Geburt. Neu werden und sich geborgen und vertraut fühlen, sind die Themen von Weihnachten. Freude, die aber in Gefahr ist, d.h. Leben mit Licht- und Schattenseiten. Denn bald folgt die Passionszeit, die Zeit, in der wir an das Leiden Jesu denken. Viele Menschen begehen das durch Verzicht.


Zeit 5

Im Rahmen des Mitfeierns des Kirchenjahres gibt die Passionszeit die Möglichkeit der inneren Klärung. Sie kann durch bewusstes Fasten unterstützt werden. Viele Menschen verzichten auf ganz unterschiedliche Dinge, die ihrer Meinung nach, zu viel Raum in ihrem Leben einnehmen.

Dann kommt Palmsonntag. Dieser verdeutlicht die Begeisterung für eine Sache und für das Leben. An Karfreitag folgt die Enttäuschung. Ostern ist das Frühlingsfest, die Natur erwacht zu neuem Leben. Wir sehen die Bäume sprießen und die Bäume blühen. Grenzen und Enttäuschungen werden überwunden. Alles scheint möglich! Die Kraft, die wir fühlen, wird weitergegeben. Pfingsten als das Fest des Geistes bedeutet, dass unserer Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Die Sommerzeit endet mit dem schönen Herbstfest, dem Erntedank. Es war ein Bilderbuchsommer oder ein regnerischer, unser Leben mit seinen heiteren und trüben Zeiten bildet sich ab. An Erntedank kann man für die Früchte und den Reichtum der Natur danken – aber auch für die Fülle des eigenen Lebens. Der November mit dem Ewigkeitssonntag erinnert uns unerbittlich an unsere Sterblichkeit – wie gut, dass er das tut! Umso intensiver kann ich leben. Das Kirchenjahr spiegelt unser Leben wieder mit den Krisen und Chancen. Es bewusst zu begehen, bietet die Möglichkeit sich des eigenen Lebens, der Ängste und Freuden zu vergewissern. Die Zeit im Kreislauf des Jahres erleben, verankert werden in der Geschichte Gottes mit uns, das ist im Mitfeiern der Kirchenjahrs Feste möglich.

Eine andere, dichterische Annäherung an das Wesen der Zeit, die an Augustinus anknüpft, stammt von Michael Ende: „Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.“

Ein schöner Gedanke ist das für mich, denn dem geheimnisvollen Charakter der Zeit kommt man nicht so leicht auf die Spur, da sie sich dem Einordnen und Verstehen entzieht.

Karl Barth versteht die Zeit inhaltlich definiert, ähnlich dem Verständnis im neuen Testament,  als Gefäß für das göttliche Heilshandeln. Nicht die Länge eines Leben ist entscheidend, sondern, das, was wir mit dieser Zeit anfangen und wie wir sie ausfüllen.


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